Kutscherblog

dies und das – bunt gemixt


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Mit Rassismus gegen Sexismus?

Wieder einmal unterwegs auf der A 30, wieder einmal das Autoradio an. Musik, interessante Berichte über dies und das, ich träume fast ein wenig vor mich hin, und dann reißt mich ein Name zurück in die Realität: Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt, in der ich viele Jahre zu Hause war. Nun hat er mich, mehr als 600 Kilometer weiter nördlich eingeholt.

Boris Palmer, der grüne Oberbürgermeister aus Tübingen, gibt ein Interview. Allerdings geht es nicht um die Tübinger Stadtpolitik, wie man das erwarten sollte, sondern um die große Politik. Thema: Maghreb-Staaten als „sichere Herkunftsländer“. Palmer sagt im Interview, die Maghreb-Staaten wären zwar keine sicheren Herkunftsländer, Minderheiten würden dort nämlich verfolgt, man müsse diese Länder aber dennoch asylrechtlich als sicher erklären. Hier staune ich, nicht weil ich Palmer diese Meinung nicht zugetraut hätte, aber dass jemand so offensichtlich eine Rechtsverdrehung fordert, das wundert mich doch immer noch.16266193_10154732760176355_3591066339809002706_n

Aber es geht noch weiter. Es gäbe ja auch gute Gründe dafür, dies zu tun, meint er, und zwar „weil die Frauen in Deutschland sich nachts wieder auf die Straße trauen wollen“. Das heißt im Klartext: Frauen sind auf Deutschlands Straßen nicht mehr sicher, sie trauen sich nachts nicht mehr auf die Straße, weil seit kurzer Zeit zu viele nordafrikanische Männer eben diese Straßen unsicher machen.

Ganz fatal fühle ich mich erinnert an die Stürmer-Parole: „Frauen und Mädchen, die Juden sind Euer Verderben!“, auch wenn Boris Palmer das weit von sich weisen wird. Aber es zählt nicht nur, was man meint, es zählt vor allem, was man durch seine Äußerungen bewirkt.

In den 1980ern habe ich in Tübingen studiert und damals gab es jedes Jahr zu Walpurgis eine Demonstration der Tübinger Frauen unter dem Motto: „Wir erobern uns die Nacht zurück.“

Und richtig, vor wenigen Jahren haben Tübinger Frauen begonnen, diese Tradition wiederzubeleben. Wieder ziehen sie dort jetzt am Abend des 30. April durch die Straßen der Stadt und fordern ihr Recht auf sicheren Aufenthalt auch nachts in der Stadt ein. Und die Frauen haben leider nach wie vor ihre Gründe dafür. Noch immer fühlen sich viele Frauen nachts unwohl, wenn sie allein unterwegs sind, noch immer kommt es immer wieder zu Überfällen, zu sexualisierten Übergriffen, zu Vergewaltigungen (wenn es auch weniger Vorfälle durch Fremde auf der Straße sind, als im Familien- und Bekanntenkreis).

Ein Oberbürgermeister, der noch im Jahr 2014 als Schirmherr für die Aktion One Billion Rising (1) aufgetreten ist, sollte aber doch ein wenig differenzierter denken können und darauf verzichten, solch rassistischen Unsinn in die Welt zu posaunen.

Nicht erst seit es zu den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 gekommen ist, fühlen sich Frauen auf Deutschlands Straßen nachts unwohl, aber seither wird darüber wieder geredet, möglicherweise werden seither sogar mehr Übergriffe angezeigt, die früher in der Dunkelziffer untergingen, was eigentlich gut und begrüßenswert ist, aber leider von populistischen Politikern und auch Politikerinnen schamlos ausgenutzt wird.

Was tut man nicht alles, um sich Ausländerfeinden in der deutschen Gesellschaft anzubiedern und auf Kosten der Geflüchteten Wähler*innenstimmen zu gewinnen. Was auch immer in dieser Silvesternacht wirklich geschehen ist, wird man nie vollständig aufklären können, und genau diese Unklarheiten führen zu den wildesten Spekulationen und rassistischen Ausbrüchen, die durch die #nafri-Debatte um Silvester 2016/2017 wieder aufgewühlt worden sind (2).

Von „Horden junger Flüchtlinge“, in erster Linie Nordafrikaner, ist die Rede, die „marodierend durch das Land ziehen“. Die sich zu Tausenden, vermutlich sogar gut organisiert, an Silvester aufmachen, um deutsche Frauen zu vergewaltigen.

Und hier stellt der GRÜNE Boris Palmer einen Topf aufs Feuer, in den jeder und jede, Facebook sei Dank, hineinkippen darf, was ihn und sie zum Thema gerade bewegt. Und so landen in diesem Topf nicht nur die #nafris, die „nordafrikanischen Intensivtäter“ und die IS-Terroristen, es landen darin auch alle nordafrikanischen, nordafrikanisch aussehenden Männer und letztendlich alle Geflüchteten. Es ist erschreckend, wer bei einer öffentlichen und anonymen Diskussion sich alles einfindet, wie viele völlig undifferenziert urteilende, uninformierte User meinen, ein vorgeblich objektives Statement abgeben zu müssen.

Und immer reden sie von „den Flüchtlingen“, von denen Gefahren für „unsere“ Frauen ausgehen. Dass sich unter diesen Flüchtlingen, man darf staunen, auch Frauen befinden, die in diesem Zusammenhang dann plötzlich nicht mehr unter die Gefährdeten auf Deutschlands Straßen fallen, sondern unter den Maßnahmen gegen die Gefährder mit leiden müssen, scheint ihnen vernachlässigbar zu sein. Genauso wie die, ihrer Ansicht nach wenigen Männer, die nicht kriminell sind. Kollateralschäden sind eben nicht zu vermeiden.

Alle gemeinsam dürfen nun in diesem Topf rühren und gemeinsam bringt man die Suppe zum Kochen, eine braune Brühe entsteht, die irgendwann überkocht, explodiert, und uns allen um die Ohren fliegt, wenn nicht in letzter Sekunde noch jemand die Reißleine zieht.

Da hilft nur eins:

Spucken wir ihnen in die Suppe, den PopulistInnen und ihren MitläuferInnen, ob sie nun Petry oder Palmer, Kretschmann, de Maizière oder Seehofer heißen, oder wie auch immer.

Spucken wir ihnen in die Suppe und vor allem: Nehmen wir diesen Topf vom Feuer, solange wir ihn noch anfassen können.

 

Veröffentlicht in der Graswurzelrevolution 416 Februar 2017

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Nennen wir sie Eugenie

nennen wir sie eugenie Cover 1„Nennen wir sie Eugenie“ ist eine Geschichte über die verbotene Liebe zweier Frauen im Senegal und was daraus folgt.

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder direkt beim Verlag
http://verlag-shop.com/Nennen-wir-sie-eugenie

 

Die Idee zum Buch:

Bei der Recherche für einen Artikel über lesbische Flüchtlinge im deutschsprachigen Raum stieß ich auf die Geschichte von Eugenie.
Eine junge Frau aus dem Senegal hatte Asyl in der Schweiz gesucht, weil sie wegen der Liebe zu einer Frau und der drohenden Zwangsverheiratung mit einem Mann ihre Heimat verlassen musste. Eine Mitarbeiterin der Schweizer Sektion von amnesty international erzählte mir in anonymisierter Form, was sie vom Schicksal der jungen Senegalesin wusste, einem Schicksal unter vielen: „Nennen wir sie Eugenie“, so begann ihr Bericht.
Auf der realen Grundlage dieses Schicksals beruht die hier entwickelte Handlung, die Einzelheiten allerdings sind erfunden oder anderen Lebensgeschichten entnommen, sie könnten so geschehen sein, aber auch ganz anders.

Die Geschichte

Die junge Eugenie, die kurz vor Beginn ihres Studiums steht, muss den Senegal verlassen, weil ihre Liebe zu einer anderen Frau entdeckt wird. Eugenie flieht nach Deutschland, wo sie Schutz und Hilfe erhofft und um Asyl bittet. Das übliche Asylverfahren beginnt und sie muss alles über sich ergehen lassen, ohne wirklich zu verstehen, was die Behörden in diesem ihr so fremden Land mit ihr vorhaben.
Eugenie erlebt den Alltag in der Flüchtlingsunterkunft, einer heruntergekommenen ehemaligen Kaserne, bestimmt von Perspektivlosigkeit, Langeweile und der dauernden Angst vor der Abschiebung zurück in ihre Heimat, wo sie Gefängnis und die Morddrohungen ehemaliger Freunde erwarten. Eugenie trifft andere Geflüchtete, die alle ihre eigenen Schicksale mitbringen. Und sie trifft Jeff, eine deutsche Aktivistin, die sie unterstützt und in der sie eine Freundin findet. Gemeinsam versuchen sie alles, um Eugenies Abschiebung zu verhindern.


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Jetzt bin ich hier

„Menschen verlassen ihre Heimat aus den unterschiedlichsten Gründen, aber nur in den seltensten Fällen freiwillig. Sie fliehen vor Krieg, jetzt bin ich hier_cover V2-2 (2)Folter, Unterdrückung, Fremdbestimmung und Hunger, sie lassen oft alles hinter sich, kämpfen mit Kraft und Mut um das nackte Überleben, um in einer „freien Welt“ anzukommen, die häufig nur aus Vorschriften und Gesetzen besteht und sie als unmündige Kinder behandelt.
Aber in ihrem Reisegepäck bringen sie viele Fähigkeiten mit. Eine davon ist das Schreiben. In ihren Texten lassen uns die Autorinnen und Autoren dieser Anthologie teilhaben an ihrer Geschichte, ihren Träumen, ihrem Leben.“

Zum Weltflüchtlingstag am 20.Juni ist unsere Anthologie „Jetzt bin ich hier“ mit vielen spannenden und anrührenden Texten, einem Vorwort des Osnabrückers Toscho Todorovic, Bandleader der Blue Company, und Grafiken von Bernard Bieling erschienen.
Da alle Beteiligten auf Honorate verzichten, erhält der Exil e.V. Osnabrück  (www.exilverein.de) 33 % des Verkaufserlöses als Spende.

Der schönste Tag in meinem Leben war der Tag, als ich
nach Deutschland gekommen bin. Ich hatte gedacht, dass es
für mich unmöglich sein würde.
Ich hatte früher in meiner Heimat ein schlechtes Leben
und ich versuchte, noch mal ein gutes Leben zu haben.
In meiner Heimat gab es viele Probleme, dass meine Familie
und ich keine Ruhe mehr hatten. Wir konnten nicht
essen und schlafen. Für mich war es zu viel, so dass ich nicht
mehr zur Schule gehen konnte. Dann sagte ich mir, dass ich
in ein anderes Land ausreisen müsste, egal was passieren
würde.
Endlich bin ich nach Deutschland ausgereist. Der erste
Tag in Deutschland war der schönste Tag in meinem Leben,
weil ich zur Schule gehen und Deutsch lernen konnte.
Cyril Martins, 17 Jahre

                                        

https://www.facebook.com/jetztbinichhier

www.texte-und-worte.de

Das Buch gibt es im Buchhandel oder direkt beim Verlag


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Jetzt bin ich hier – Anthologie mit Texten von Flüchtlingen und anderen Migrant_innen

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni 2013 wird die Anthologie „Jetzt bin ich hier“ im Verlag 3.0 erscheinen. Über ein Jahr habe ich Texte gesammelt und es sind nun endlich genügend gute Beiträge zusammengekommen, so dass die Sammlung veröffentlicht werden kann.

Editorial: Zur Entstehung der Anthologie

Nicht immer läuft alles nach Plan, oder eigentlich eher selten. So war es auch hier. Ursprünglich sollte dies ein Sammelband mit Texten von Flüchtlingen werden. In der Ausschreibung hieß es:
Für einen Sammelband mit Geschichten von Refugees suchen wir schreibfreudige Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder (auch Zeichnungen sind willkommen). Ob Sie schon Geschichten geschrieben und vielleicht sogar veröffentlicht haben oder ob Sie es einfach einmal versuchen wollen, wir freuen uns auf jeden Beitrag.
Die Texte können sich mit der Flucht, dem Asylverfahren und dem Exil beschäftigen, schön wären aber auch Geschichten aus dem alltäglichen Leben zu Hause oder einfach spannende, lustige, traurige, schöne Geschichten und Texte zu jedem beliebigen Thema.
Die Anthologie soll
• Ihnen die Möglichkeit bieten, Ihre Texte zu veröffentlichen
• Den Lesern/Leserinnen den Menschen hinter dem „Flüchtling“ nahebringen
• Refugees als aktive Menschen wie ‚Du und Ich aufzeigen‘ und nicht die „Opferrolle“ in den Vordergrund stellen, wie die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit oft ausschließlich ist
Es blieb dann aber nicht bei Texten von Flüchtlingen, es kamen einige Texte von Migrant_innen und von Menschen mit dem sogenannten „Migrations-hintergrund“ dazu. Ich frage mich allerdings immer wieder, wen dieses unsägliche M-Wort eigentlich meint. Wann hört der Migrationshintergrund auf und wo beginnt er? Wie viele Generationen müssen es sein und wie viele Kilometer bis zur Grenze? Ist ein Bayer in Hamburg mehr Migrant, als ein Däne? Oder ist es die Berlinerin am Bodensee weniger als die Polin in Berlin? Und wenn schon hier beliebige Grenzen und Definitionen herhalten müssen, wo unterscheiden sich dann noch Flüchtlinge und Migranten_innen? Im Grunde ist die Unterscheidung hinfällig, wer Böses denkt, sieht hier einen weiteren Schritt des Auseinanderdividierens von Menschen, um die herrschenden Macht-strukturen besser aufrechterhalten zu können. Hier die Deutschen, mit ausländischen Wurzeln allerhöchstens vor drei Generationen (diese Rechnung erinnert fatal an die jüngere deutsche Vergangenheit), da die Flüchtlinge aus aller Welt, die man möglichst schnell wieder loswerden will, und dort die Migrant_innen, die man nicht mehr loswerden kann und zu allem Übel oft auch noch braucht. Aber die Grenzen sind fließend. Flüchtlinge sind auch Migrant_innen und Migrant_innen fliehen in den meisten Fällen auch vor irgendetwas. Sei es vor dem Alltag, der Arbeitslosigkeit, der Unmöglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen – es gibt unzählige solcher Gründe.

Die Geschichten, die erzählt wurden, hatten so viel Gemeinsames: Manche waren wegen des Krieges hierher gekommen, manche waren importierte Bräute, manche waren wegen der Armut hier und manche von ihnen waren hier geboren worden, lebten aber die Kultur ihrer Väter. (aus: Selvinaz Entscheidung)
Ich danke allen, die sich die Mühe machten und die den Mut aufbrachten, einen Beitrag für diese Anthologie zu verfassen und ihn zu veröffentlichen.
Weder Autor_innen noch die Herausgeberin erhalten ein Honorar, alle Überschüsse aus dem Verkauf der Bücher gehen an das Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge Exil e.V.

Das Buch, mit einem Vorwort von Toscho Todorovic von der Bluescompany,  kann ab sofort zum verbilligten Subskriptionspreis vorbestellt werden: http://buch-ist-mehr.de/jetzt-bin-ich-hier/


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Nennen wir sie Eugenie – unsichtbare Lesben im Exil

veröffentlich in der Graswurzelrevolution Nr. 370/Juni 2012

http://www.graswurzel.net/

Eugenie kommt aus dem Senegal. Sie lebte dort in einer heimlichen Beziehung mit einer Frau in guter sozialer und finanzieller Situation: Die beiden Frauen treffen sich heimlich, da Homosexualität im Senegal unter Strafe steht und es deshalb unmöglich ist, eine lesbische Beziehung offen zu leben.

Eugenies Familie, die davon nichts weiß, arrangiert eine Ehe für Eugenie und als diese sich weigert, werden Liebesbriefe und SMS gefunden und ihre Brüder finden heraus, dass sie eine Frau liebt. Eugenie, die trotz Schlägen nicht sagt, wer ihre Partnerin ist, wird daraufhin von ihrer Familie verstoßen und es wird ihr von Familie und Freunden gedroht, sie umzubringen, da es für eine Muslima verboten sei, eine lesbische Beziehung einzugehen und es wird ihr geraten, das Land zu verlassen, da sie eine Schande für die Familie sei. Eugenie, die eine Anzeige fürchten muss, das hätte fünf Jahre Gefängnis bedeuten können oder eine hohe Geldbuße, und weiterhin per SMS von Freunden bedroht und beschimpft wird, kennt keine anderen Lesben und Schwulen, kann sich somit auch nirgendwo Hilfe und Unterstützung holen, und weiß, auch wenn sie an einen anderen Ort im Senegal übersiedelt, wo sie niemand kennt, muss sie ihre Homosexualität immer heimlich leben und es besteht immer die Gefahr, dass sie entdeckt wird und Übergriffe und Strafdrohungen von Neuem beginnen.

Eugenie beschließt, das Land zu verlassen. Sie versteckt sich bei ihrer Partnerin, besorgt sich über eine Schlepperorganisation einen falschen Pass und fliegt nach Europa. Sie reist illegal auf dem Landweg in die Schweiz ein, da sie kein Visum erhalten hat.

In der Schweiz beantragt Eugenie Asyl. Da sie nicht weiß, wie die Schweiz zur Homosexualität steht, erzählt sie ihre Geschichte zwar wahrheitsgemäß, aber nur in groben Zügen. Als Fluchtgrund gibt sie Morddrohungen wegen ihrer lesbischen Beziehung und die drohende Zwangsverheiratung mit einem älteren Mann an.

Wer wie Eugenie einen falschen Pass besitzt, dessen Asylantrag wird in der Schweiz automatisch abgelehnt. Nur wenn der Zwang zur Flucht glaubhaft gemacht werden kann, kann dennoch ein Verfahren eröffnet werden.

Die Schweizer Behörden glauben Eugenie aber nicht, dass ihre Brüder zwar herausgefunden hatten, dass sie eine Beziehung zu einer Frau hatte, deren Namen aber nicht in Erfahrung bringen konnten, und sie beurteilen ihre Aussagen als stereotyp, unsubstantiiert und realitätsfremd.

Ein Senegalese hilft ihr, Beschwerde gegen die Nichtbearbeitung (Nichteintreten) ihres Asylantrags zu stellen, diese wird jedoch abgelehnt.

Eugenie lebt heute als Sans-Papiers in der Schweiz, besitzt also keinerlei Rechte und keinen Aufenthaltsstatus. Da sie von den Behörden jederzeit inhaftiert oder ausgeschafft (abgeschoben) werden könnte, ist sie nun untergetaucht.

Die Geschichte von Eugenie war die einzige, die während der Recherche zu einem Artikel über in deutschsprachige Länder geflüchtete Lesben erzählt wurde. Nach großem anfänglichem Interesse kam nichts mehr und der betroffene Personenkreis blieb weiterhin unsichtbar.

Schwule Flüchtlinge tauchen nur selten im Asylverfahren und ebenso selten in der homosexuellen Community auf. Lesbische Flüchtlinge bleiben bis auf wenige Ausnahmen gänzlich unsichtbar.

Dies hat unter anderem den Grund, dass in vielen Ländern, in denen männliche Homosexualität unter Strafe steht, weibliche Homosexualität gar nicht zu existieren scheint (dies war auch in Deutschland der Fall, solange es den §175 noch gab). Lesbische Beziehungen werden hier anders, aber nicht unbedingt weniger schlimm sanktioniert. Lesbische Frauen werden oft von der Familie verstoßen, was in Ländern, wo Frauen kaum eine unabhängige Existenzmöglichkeit haben, fatal ist, oder in Zwangsehen abgeschoben und von einem Ehemann misshandelt, geschlagen, vergewaltigt, zwangsgeschwängert, und mit Tod oder Kinderentzug bedroht. Oder sie werden auf Grund ihres Lesbischseins wegen anderer, vorgeschobener Delikte, denunziert.

Dennoch gibt es sie:

–          Lesben, die nach Europa fliehen, weil sie offiziell wegen ihrer Homosexualität verfolgt werden

–          Lesben, die in ihrer Heimat kein unabhängiges Leben leben können, aber nicht bereit sind, sich einer erzwungenen oder überlebensnotwendigen Ehe zu unterwerfen und deshalb in Europa Schutz und Unabhängigkeit suchen

–          Lesben, die nicht fliehen weil sie Frauen lieben, sondern aus politischen oder anderen Gründen, die sich nicht von denen heterosexueller Frauen unterscheiden

Nur die ersteren, die ihre Homosexualität als Fluchtgrund angeben, werden gezwungenermaßen wenigstens vorübergehend während des Asylverfahrens sichtbar. Und sie erleben in den meisten Fällen Unglauben, werden häufig nicht ernst genommen, ihre Aussage bleibt oft (emotional bedingt) ungenau und erscheint dadurch unglaubwürdig und letztendlich werden sie deshalb als Asylsuchende abgewiesen.

Oft erscheint den Behörden und Gerichten der Fluchtgrund nicht wichtig genug, könnten sie doch in einer anderen Stadt ihr Lesbischsein heimlich leben (überlegt sich eineR dieser Beamten, wie es wäre, wenn er/sie eine heimliche Beziehung leben müsste?).

Auch muss die Strafe doch immerhin ein paar Jahre Gefängnis oder die Todesstrafe sein, um ausschlaggebend für einen Aufenthaltstitel zu werden. Außerstaatliche Bedrohung durch die Familie oder andere Personen zählen so gut wie gar nicht als Asylgrund.

Und bis Ende 2011 wurde in den meisten Fällen ein Gutachten gefordert, das die „irreversible Homosexualität“ der Asylsuchenden bestätigte. Abgesehen davon, dass sich sexuelle Orientierungen ändern können, fielen dadurch bisexuelle Menschen oder Lesben, die schon früher eine Ehe eingegangen waren/eingehen mussten, völlig heraus. Allerdings ist laut der Antwort der Regierung auf eine kleine Anfrage durch die LINKE dieses Gutachten in Deutschland mittlerweile hinfällig.

Die meisten Lesben aber bleiben unsichtbar, sind sie doch nach ihrer Erfahrung im Heimatland vorsichtig geworden, wissen nicht, was sie in Europa erwartet.

Wichtiger als der Kontakt zu anderen Lesben ist verständlicherweise zunächst der Kontakt zu Landsleuten im Exil. Sprache und Herkunft verbindet in der Fremde mehr, als sexuelle Orientierung. Aber auch in diesen Communities müssen sie sich als Lesben verstecken und bleiben so auch hier unsichtbar.

Es verwundert nicht, dass nach all diesen Unsicherheiten, Schwierigkeiten, Verletzungen und Demütigungen durch Familie und Freund_innen zuhause, durch Behörden und Gesellschaft im Herkunfts- und erneut im Zufluchtsland, kaum eine Frau sich erinnern und ihre Geschichte erzählen will, wenn sie es dann doch geschafft hat.

Bettys Geschichte (nennen wir sie Betty) habe ich selbst miterlebt:

Sie kam aus Westafrika. Eines Tages tauchte sie in meiner Stadt auf und fragte nach Unterstützung im Asylverfahren. Sie war aufgewachsen in einem engen anglikanischen Protestantismus, durchsetzt mit Resten traditionellen Hexenglaubens.

Mit 16 Jahren auf dem Schulhof vergewaltigt, lebte sie mit ihrer Tochter bei der Großmutter. Mit Anfang 20 verliebte sie sich in eine Frau im naheliegenden Nachbarland. Sie wurde wiedergeliebt und es entwickelte sich eine Beziehung, die nicht im Verborgenen blieb. Betty wurde in ihrer Familie als (lesbische) Hexe gefürchtet und verstoßen, von der örtlichen Polizei wurde sie wiederholt für mehrere Wochen inhaftiert. Bevor es zu einem Gerichtsverfahren kam verließ Betty das Land und floh, da die Verhältnisse im Heimatland ihrer Partnerin noch homophober waren, nach Deutschland. Hier fand sie Kontakt zu deutschen Lesben, die sie zunächst mit offenen Armen aufnahmen und unterstützten.

Betty musste in einer heruntergekommenen Sammelunterkunft bleiben, sie vertrug das deutsche Essen nicht, erhielt aber nur Sachleistungen und kein Geld, um sich zu kaufen, was ihr gut getan hätte. Die Aussichten des Asylverfahrens waren wenig hoffnungsvoll, da sie keine Beweise für ein im Herkunftsland drohendes Strafverfahren hatte und das eingeforderte Gutachten über ihre irreversible Homosexualität (auch in Hinblick darauf, dass sie bereits eine Tochter hatte) nur schwer zu erbringen war. Betty ging es körperlich und psychisch bereits ziemlich schlecht, als sie die Nachricht erhielt, dass ihre Partnerin bei einem Autounfall tödlich verunglückt war. Sie suchte Trost im Alkohol und in der afrikanischen Community.

Als mich ihre Nachricht erreichte: „The full catastrophy – I am pregnant“, zweifelte ich zunächst an meinem Englisch.

Aber Betty hatte Glück, die verschwurbelten nationalistischen deutschen Gesetze halfen ihr.

Betty, die in ihrer Heimat nicht bleiben konnte, weil sie eine Frau liebte, Betty, die in Deutschland kaum eine Chance hatte, wegen ihrer sexuellen Orientierung Asyl zu bekommen, Betty war nun schwanger von einem afrikanischen Mann, dessen Fluchtgründe den deutschen Behörden einleuchtender erschienen waren als ihre und der mittlerweile sogar die deutsche Staatsbürgerschaft besaß.So konnte Betty in Deutschland bleiben, nicht als verfolgte Lesbe, nicht als Zuflucht suchende Frau, aber als Mutter eines deutschen Kindes. Der größte Teil ihrer lesbischen Unterstützerinnen allerdings ließ Betty umgehend fallen wie eine heiße Kartoffel.

Bis auf wenige und viel zu geringe Ausnahmen fehlen bislang tragfähige Strukturen, die homo- und bisexuellen oder Transgender (LGBT)-Flüchtlingen Halt und Hilfestellung nach ihrer Ankunft im Zufluchtsland und während des Asylverfahrens geben (in Deutschland gibt es gerade mal sechs bis sieben Gruppen von Queer-amnesty). Im Gegenteil müssen die Betroffenen auch bei den unterstützenden Freundeskreisen, die oft aus sehr bürgerlich-konservativen und kirchlichen Kreisen kommen, eine Ablehnung ihrer sexuellen Orientierung fürchten.

Wagen Sie sich in die gay-community, was schon allein aus finanziellen Gründen während des Asylverfahrens schwierig ist, so erfahren sie auch hier oft Ausgrenzung als Fremde oder eine besondere Be(ob)achtung als exotisches Beiwerk, ohne die Möglichkeit, Kontakte auf Augenhöhe zu bekommen.

Hieran muss dringend gearbeitet werden. Spezifische Hilfsangebote für LGBT-Flüchtlinge, angefangen vom persönlichen Kontakt über die Begleitung zu Behörden bis hin zur Hilfestellung im Asylverfahren sind ein weißer Fleck auf der Landkarte, den es zu füllen gilt.

http://queeramnesty.org/

http://orqoa.at/

Kontakt zum Aufbau von Unterstützungsangeboten von LGBTIQ-Flüchtlingen über http://www.facebook.com/profile.php?id=100003801584443


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Ich habe nicht angezeigt

veröffentlich in der Graswurzelrevolution Nr. 370/Juni 2012

http://www.graswurzel.net/

Fünf Frauen der Arbeitsgruppe Kofra1 in München haben sich daran gemacht, eine bemerkenswerte bundesweite Aktion aufzuziehen. Viel Arbeit, Engagement und viele Emotionen stecken darin, was sie seit Anfang Mai 2012 mit der Unterstützung einiger Sympathisantinnen versuchen, voranzutreiben.

#ichhabenichtangezeigt….

In Anlehnung an französische, italienische und englische Aktivistinnen haben sich die Fünf entschlossen, vergewaltigten Frauen und Männern eine Plattform zu bieten, auf der sie sich äußern können. Damit sie nicht länger im Verborgenen bleiben, damit sie nicht weiterhin „die Dunkelziffer“ sind, nur weil sie, aus welchen Gründen auch immer, den Vergewaltiger, in manchen Fällen auch die Vergewaltigerin, nicht angezeigt haben und damit in der Statistik der beurkundeten Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen nicht auftauchen.

Jede einzelne Vergewaltigung, jeder sexuelle Übergriff ist eine persönliche Katastrophe und ein Übergriff zuviel.

Es ist wichtig aufzuzeigen, wie groß die Anzahl an Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in Wirklichkeit ist, um das vorherrschende, die Realität verharmlosende Bild von einzelnen Geschehnissen aufzubrechen.

#ichhabnichtangezeigt, weil ich damals ein Kind war und ich sexuellen Missbrauch noch nicht verstanden habe. Weil es mein ältester Bruder war, der daraus ein Spiel machte („das bleibt ein Geheimnis, das erzählen wir nicht den anderen Brüdern oder den Eltern“).

#ichhabnichtangezeigt, weil ich damals der Meinung war, dass es meine schuld war

 Noch immer wird der Fokus hauptsächlich auf den bösen Unbekannten und den, der Sicherungsverwahrung entgangenen Straftäter gerichtet, was schon mehrere Male bis zu Demonstrationen vor der Wohnung eines nach Verbüßung seiner Strafe entlassenen Sexualstraftäters führte, wo die aufgebrachte Menge kurz vor der Lynchjustiz stand. Wie viele in diesem, nicht selten von neofaschistischen Kräften aufgestachelten Mob, selbst vergewaltigende Väter, Brüder oder Partner sind, die, möglicherweise ohne jedes Schuldbewusstsein, regelmäßig mit Gewalt „ihre Rechte“ einfordern, wird ein Geheimnis bleiben müssen.

Die naheliegende und viel größere Gefahr innerhalb von Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis bleibt durch dieses öffentlich immer noch gerne aufrecht erhaltene Bild des unbekannten „Triebtäters“, der Frauen, die sich nachts allein auf dunklen Straßen bewegen, „bestraft“, in den Hintergrund gerückt und wird verharmlost. Dies trägt dazu bei, dass die innerfamiliären oder im Freundeskreis auftretenden Übergriffe weiterhin oft nicht rechtzeitig als solche erkannt werden und dadurch den „Opfern“ die Möglichkeit sich zu schützen, verwehrt wird.

 #ichhabenichtangezeigt, weil ich glaubte, selbst schuld zu sein, weil ich ein Kind war, weil es mein Freund war, weil ich Angst hatte, weil es mein Vater/Bruder/Cousin war und ich meine Familie nicht verlieren wollte

dies sind die häufigsten Begründungen für die Nichtanzeige, die auf der Internetseite http://ichhabnichtangezeigt.wordpress.com/ auftauchen. Dabei geht es im Grunde gar nicht in erster Linie darum, warum nicht angezeigt wurde. Dafür hat jede und jeder einen anderen, ihren oder seinen eigenen Grund. Es bedarf keiner Erklärung und keiner Rechtfertigung, woher dieser Grund stammt, warum der Täter/die Täterin nicht der Justiz überantwortet wurde. Aber es existiert bisher keine andere Möglichkeit, öffentlich und schwarz auf weiß festzuhalten, wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum Opfer von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen werden, außerhalb der Möglichkeit einer Anzeige.

Hier liegt der große Verdienst dieser Kampagne, die zunächst auf einen Monat begrenzt war und nun erst einmal bis Mitte Juni verlängert worden ist: Schwarz auf weiß äußerten und äußern sich zahlreiche „Opfer“ von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen und zeichnen so ein erschreckendes, manchmal fast erschlagendes Bild des Ausmaßes dieses gesellschaftlichen Missstandes.

#ichhabnichtangezeigt… weil ich meinen Halbbrüdern nicht ihren Vater nehmen wollte. ich hatte ja schon keinen…

 Für ein Kind gibt es keine schlimmere Bedrohung als den Verlust seiner Bezugspersonen. Aber auch Jugendliche und Erwachsene haben sich zumeist das gesellschaftlich immer noch hoch gehaltene und fest zementierte Bild der heilen/heiligen Familie, bestehend aus Vater-Mutter-Kind, als unumstößlichen Wert zu eigen gemacht. „Blut ist dicker als Wasser“, „Am Ende bleibt ja doch immer nur die Familie, auf die man zählen kann“ – solche Sprüche begleiten unser Leben auch heute noch von Beginn an und lassen so nur die Wenigsten erkennen, und noch Wenigere, selbst im Erwachsenenalter, den Mut fassen, für sich zu akzeptieren, dass keine Familie besser ist als eine schlechte Familie und dass Familie auch ein selbst ausgewählter Zusammenhang sein kann, wenn dieser besser funktioniert, als das Konstrukt, in das jemand hineingeboren wurde.

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#ichhabenichtangezeigt, weil…

Den Initiatorinnen geht es in erster Linie darum, bei Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten ein Klima zu schaffen, das es vergewaltigten Frauen und Männern einfacher macht als bisher, sich zu einer Anzeige zu entschließen, weil ihnen mehr geglaubt wird und sie bessere Hilfestellung erhalten sollen, als dies bisher der Fall ist.

Was wir wollen: Unser Ziel ist es, die Missstände in unserer Gesellschaft aufzuzeigen, damit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den entsprechenden Institutionen sexualisierte Gewalt mit der Aufmerksamkeit behandelt wird, die denjenigen, die sie erlebt haben, zusteht. Damit es künftig leichter wird, Anzeige zu erstatten und damit gehört zu werden.

Schon dieser erste Ansatz scheint kräftemäßig von den Organisatorinnen der Kampagne kaum noch länger weitergeführt werden zu können. Und dennoch wäre es dringend geboten, im Anschluss an diese Aktion ein weitaus umfassenderes Ziel ins Auge zu fassen.

Zum Einen wäre es sicher kein Fehler, eine solche oder eine ähnliche Plattform als Dauereinrichtung aufrechtzuerhalten, um die unglaubliche Anzahl von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen auch in Zukunft anonym dokumentieren zu können, ohne die „Opfer“ zu nötigen, sich persönlich vor irgend jemandem zu outen, geschweige denn sie zu den Unannehmlichkeiten einer Anzeige zu zwingen, die viele nicht auf sich nehmen wollen, viele auch nicht auf sich nehmen wollen werden, falls die Bedingungen sich verbessern sollten. Denn eine Anzeige bedeutet immer, sich noch einmal und immer wieder dem traumatischen Ereignis zu stellen und sich Menschen gegenüber zu öffnen, mit denen die Betroffenen im Grunde nichts verbindet und denen sie im Normalfall nicht einmal vom Geburtstag ihrer Mutter oder vom letzten Urlaub erzählen würden.

Es gibt viele Gründe für die Betroffenen, auf eine Anzeige zu verzichten, die durch keine Verbesserungen endgültig aus der Welt geräumt werden können:

· sie sehen für sich keinen Sinn in einer Anzeige

· sie haben oder hatten selbst Probleme mit Polizei und Justiz und sind nicht bereit, sich erneut auseinander zu setzen.

· die Angst vor der Rache der angezeigten Person ist zu groß

· …weil mein Vater von der Vergewaltigung weiß, aber bisher den Namen nicht

kennt und ich befürchte, dass er sonst zum Mörder wird

·

Für diejenigen, die eine Anzeige nicht als den für sie richtigen Weg sehen, bzw. auch als begleitendes Angebot zum Weg durch die Justiz, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, sich nach einem sexuellen Übergriff jemandem anvertrauen zu können, organisatorische, emotionale und therapeutische Hilfestellung und Unterstützung im weiteren Alltag, das heißt auch bei der Möglichkeit, tragende Ersatzstrukturen für die Familie zu finden, zu erfahren.

Ein weiterer und wohl der wichtigste Schritt muss sein, nicht nur an der Vereinfachung der Sanktionierung der Tat und den oben erwähnten Hilfsangeboten für die Betroffenen zu arbeiten, sondern ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, das die Anzahl solcher Übergriffe weniger werden lässt. Auch hier gilt: Jede einzelne Vergewaltigung, jeder einzelne sexuelle Übergriff weniger ist ein Erfolg.

Ansätze hierzu gibt es, beispielsweise das Projekt der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück „Mein Körper gehört mir“2.Aber auch zahlreiche andere Projekte schulischer wie außerschulischer Präventionsarbeit, wie sie EigenSinn3 – Prävention von sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen e.V. und andere anbieten, zeigen einen guten Weg auf, leiden aber allesamt an der fehlenden finanziellen Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Hier müssen mit Nachdruck ausreichende, großzügige Budgets und die Schaffung genügend neuer Stellen eingefordert werden, um mit fundierten Erkenntnissen, Fantasie und Engagement daran ansetzen zu können, dass künftig Kampagnen wie #ichhabenichtangezeigt …. möglichst überflüssig gemacht werden.

Bis dahin allerdings ist es ein weiter Weg und so wäre es auch dringend geboten, aktuell denen, die bereit sind, Kampagnen- und andere vorbereitende Arbeiten zu übernehmen, finanzielle Unterstützung bereitzustellen, um diese Kampagne weiterführen und ausweiten zu können.

Maria

3http://www.eigensinn.org

Ich habe nicht angezeigt

Fünf Frauen der Arbeitsgruppe Kofra1 in München haben sich daran gemacht, eine bemerkenswerte bundesweite Aktion aufzuziehen. Viel Arbeit, Engagement und viele Emotionen stecken darin, was sie seit Anfang Mai 2012 mit der Unterstützung einiger Sympathisantinnen versuchen, voranzutreiben.

#ichhabenichtangezeigt….

In Anlehnung an französische, italienische und englische Aktivistinnen haben sich die Fünf entschlossen, vergewaltigten Frauen und Männern eine Plattform zu bieten, auf der sie sich äußern können. Damit sie nicht länger im Verborgenen bleiben, damit sie nicht weiterhin „die Dunkelziffer“ sind, nur weil sie, aus welchen Gründen auch immer, den Vergewaltiger, in manchen Fällen auch die Vergewaltigerin, nicht angezeigt haben und damit in der Statistik der beurkundeten Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen nicht auftauchen.

Jede einzelne Vergewaltigung, jeder sexuelle Übergriff ist eine persönliche Katastrophe und ein Übergriff zuviel.

Es ist wichtig aufzuzeigen, wie groß die Anzahl an Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in Wirklichkeit ist, um das vorherrschende, die Realität verharmlosende Bild von einzelnen Geschehnissen aufzubrechen.

#ichhabnichtangezeigt, weil ich damals ein Kind war und ich sexuellen Missbrauch noch nicht verstanden habe. Weil es mein ältester Bruder war, der daraus ein Spiel machte („das bleibt ein Geheimnis, das erzählen wir nicht den anderen Brüdern oder den Eltern“).

#ichhabnichtangezeigt, weil ich damals der Meinung war, dass es meine schuld war

Noch immer wird der Fokus hauptsächlich auf den bösen Unbekannten und den, der Sicherungsverwahrung entgangenen Straftäter gerichtet, was schon mehrere Male bis zu Demonstrationen vor der Wohnung eines nach Verbüßung seiner Strafe entlassenen Sexualstraftäters führte, wo die aufgebrachte Menge kurz vor der Lynchjustiz stand. Wie viele in diesem, nicht selten von neofaschistischen Kräften aufgestachelten Mob, selbst vergewaltigende Väter, Brüder oder Partner sind, die, möglicherweise ohne jedes Schuldbewusstsein, regelmäßig mit Gewalt „ihre Rechte“ einfordern, wird ein Geheimnis bleiben müssen.

Die naheliegende und viel größere Gefahr innerhalb von Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis bleibt durch dieses öffentlich immer noch gerne aufrecht erhaltene Bild des unbekannten „Triebtäters“, der Frauen, die sich nachts allein auf dunklen Straßen bewegen, „bestraft“, in den Hintergrund gerückt und wird verharmlost. Dies trägt dazu bei, dass die innerfamiliären oder im Freundeskreis auftretenden Übergriffe weiterhin oft nicht rechtzeitig als solche erkannt werden und dadurch den „Opfern“ die Möglichkeit sich zu schützen, verwehrt wird.

#ichhabenichtangezeigt, weil ich glaubte, selbst schuld zu sein, weil ich ein Kind war, weil es mein Freund war, weil ich Angst hatte, weil es mein Vater/Bruder/Cousin war und ich meine Familie nicht verlieren wollte

dies sind die häufigsten Begründungen für die Nichtanzeige, die auf der Internetseite http://ichhabnichtangezeigt.wordpress.com/ auftauchen. Dabei geht es im Grunde gar nicht in erster Linie darum, warum nicht angezeigt wurde. Dafür hat jede und jeder einen anderen, ihren oder seinen eigenen Grund. Es bedarf keiner Erklärung und keiner Rechtfertigung, woher dieser Grund stammt, warum der Täter/die Täterin nicht der Justiz überantwortet wurde. Aber es existiert bisher keine andere Möglichkeit, öffentlich und schwarz auf weiß festzuhalten, wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum Opfer von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen werden, außerhalb der Möglichkeit einer Anzeige.

Hier liegt der große Verdienst dieser Kampagne, die zunächst auf einen Monat begrenzt war und nun erst einmal bis Mitte Juni verlängert worden ist: Schwarz auf weiß äußerten und äußern sich zahlreiche „Opfer“ von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen und zeichnen so ein erschreckendes, manchmal fast erschlagendes Bild des Ausmaßes dieses gesellschaftlichen Missstandes.

#ichhabnichtangezeigt… weil ich meinen Halbbrüdern nicht ihren Vater nehmen wollte. ich hatte ja schon keinen…

Für ein Kind gibt es keine schlimmere Bedrohung als den Verlust seiner Bezugspersonen. Aber auch Jugendliche und Erwachsene haben sich zumeist das gesellschaftlich immer noch hoch gehaltene und fest zementierte Bild der heilen/heiligen Familie, bestehend aus Vater-Mutter-Kind, als unumstößlichen Wert zu eigen gemacht. „Blut ist dicker als Wasser“, „Am Ende bleibt ja doch immer nur die Familie, auf die man zählen kann“ – solche Sprüche begleiten unser Leben auch heute noch von Beginn an und lassen so nur die Wenigsten erkennen, und noch Wenigere, selbst im Erwachsenenalter, den Mut fassen, für sich zu akzeptieren, dass keine Familie besser ist als eine schlechte Familie und dass Familie auch ein selbst ausgewählter Zusammenhang sein kann, wenn dieser besser funktioniert, als das Konstrukt, in das jemand hineingeboren wurde.

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#ichhabenichtangezeigt, weil…

Den Initiatorinnen geht es in erster Linie darum, bei Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten ein Klima zu schaffen, das es vergewaltigten Frauen und Männern einfacher macht als bisher, sich zu einer Anzeige zu entschließen, weil ihnen mehr geglaubt wird und sie bessere Hilfestellung erhalten sollen, als dies bisher der Fall ist.

Was wir wollen: Unser Ziel ist es, die Missstände in unserer Gesellschaft aufzuzeigen, damit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den entsprechenden Institutionen sexualisierte Gewalt mit der Aufmerksamkeit behandelt wird, die denjenigen, die sie erlebt haben, zusteht. Damit es künftig leichter wird, Anzeige zu erstatten und damit gehört zu werden.

Schon dieser erste Ansatz scheint kräftemäßig von den Organisatorinnen der Kampagne kaum noch länger weitergeführt werden zu können. Und dennoch wäre es dringend geboten, im Anschluss an diese Aktion ein weitaus umfassenderes Ziel ins Auge zu fassen.

Zum Einen wäre es sicher kein Fehler, eine solche oder eine ähnliche Plattform als Dauereinrichtung aufrechtzuerhalten, um die unglaubliche Anzahl von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen auch in Zukunft anonym dokumentieren zu können, ohne die „Opfer“ zu nötigen, sich persönlich vor irgend jemandem zu outen, geschweige denn sie zu den Unannehmlichkeiten einer Anzeige zu zwingen, die viele nicht auf sich nehmen wollen, viele auch nicht auf sich nehmen wollen werden, falls die Bedingungen sich verbessern sollten. Denn eine Anzeige bedeutet immer, sich noch einmal und immer wieder dem traumatischen Ereignis zu stellen und sich Menschen gegenüber zu öffnen, mit denen die Betroffenen im Grunde nichts verbindet und denen sie im Normalfall nicht einmal vom Geburtstag ihrer Mutter oder vom letzten Urlaub erzählen würden.

Es gibt viele Gründe für die Betroffenen, auf eine Anzeige zu verzichten, die durch keine Verbesserungen endgültig aus der Welt geräumt werden können:

· sie sehen für sich keinen Sinn in einer Anzeige

· sie haben oder hatten selbst Probleme mit Polizei und Justiz und sind nicht bereit, sich erneut auseinander zu setzen.

· die Angst vor der Rache der angezeigten Person ist zu groß

· …weil mein Vater von der Vergewaltigung weiß, aber bisher den Namen nicht

kennt und ich befürchte, dass er sonst zum Mörder wird

·

Für diejenigen, die eine Anzeige nicht als den für sie richtigen Weg sehen, bzw. auch als begleitendes Angebot zum Weg durch die Justiz, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, sich nach einem sexuellen Übergriff jemandem anvertrauen zu können, organisatorische, emotionale und therapeutische Hilfestellung und Unterstützung im weiteren Alltag, das heißt auch bei der Möglichkeit, tragende Ersatzstrukturen für die Familie zu finden, zu erfahren.

Ein weiterer und wohl der wichtigste Schritt muss sein, nicht nur an der Vereinfachung der Sanktionierung der Tat und den oben erwähnten Hilfsangeboten für die Betroffenen zu arbeiten, sondern ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, das die Anzahl solcher Übergriffe weniger werden lässt. Auch hier gilt: Jede einzelne Vergewaltigung, jeder einzelne sexuelle Übergriff weniger ist ein Erfolg.

Ansätze hierzu gibt es, beispielsweise das Projekt der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück „Mein Körper gehört mir“2.Aber auch zahlreiche andere Projekte schulischer wie außerschulischer Präventionsarbeit, wie sie EigenSinn3 – Prävention von sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen e.V. und andere anbieten, zeigen einen guten Weg auf, leiden aber allesamt an der fehlenden finanziellen Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Hier müssen mit Nachdruck ausreichende, großzügige Budgets und die Schaffung genügend neuer Stellen eingefordert werden, um mit fundierten Erkenntnissen, Fantasie und Engagement daran ansetzen zu können, dass künftig Kampagnen wie #ichhabenichtangezeigt …. möglichst überflüssig gemacht werden.

Bis dahin allerdings ist es ein weiter Weg und so wäre es auch dringend geboten, aktuell denen, die bereit sind, Kampagnen- und andere vorbereitende Arbeiten zu übernehmen, finanzielle Unterstützung bereitzustellen, um diese Kampagne weiterführen und ausweiten zu können.



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Dazwischen

Ich war ein Wunschkind. Zumindest wurde mir das so gesagt und ich glaubte es gerne. Wer wäre nicht gerne ein Wunschkind gewesen und außerdem war Lügen bei Androhung ewiger Höllenqualen verboten. Oder so ähnlich. Später war ich mir da nicht mehr so sicher. Vier Kinder, davon das jüngste bereits neun Jahre alt und dann noch ein Wunschkind? Aber vielleicht sollte es ein Neubeginn sein. Ein noch einmal. In Frieden und Sicherheit ein zweites Mal leben? Die andern stammten alle aus Kriegs- und Nachkriegszeiten, wer weiß, was für Gefühle und Wünsche da in Eltern entstehen, die das Aufwachsen der Kinder nicht gemeinsam erleben können. Die Mutter zuhause, der Vater im Krieg und in Gefangenschaft und der erste Nachkriegssohn in einer Zeit geboren, die man heute mit Therapien verbringen würde, um die Kriegstraumata zu verarbeiten. Damals ging es einfach weiter. Trauma hin oder her, nicht einmal das Wort war bekannt. So entstand ich, warum auch immer, Ende der 50er Jahre, von meinen Brüdern gerne herablassend als „Wohlstandskind“ bezeichnet.

Auf jeden Fall war ich das Wunsch-Mädchen. Nach vier Söhnen und einer Tochter, die aber kurz nach dem großen Krieg und bereits mit fünf Jahren zur Familie gestoßen war, also nicht mehr von Anbeginn an formbar, war hier nun das Mädchen, das all das sein und werden sollte, was die Mutter für sich selbst erwünscht hatte und nur teilweise hatte realisieren können. Ein Mädchen, mit langen Zöpfen, Schleifen im Haar, weiß normalerweise, an besonderen Tagen auch einmal rot, ein hübsches Kleidchen – und so sollte es bleiben und noch besser werden. Aber irgendetwas war da schief gelaufen. Im Äußeren eines herausgeputzten Mädchens wie es sein sollte, entwickelte sich ein weiterer Junge. Ein Junge, der keiner sein durfte, obwohl ich mir sicher war, eines Tages zu erwachen und alles wäre dann so, wie es sein musste. Bis dahin war es schwer zu leben, war es anstrengend und oft deprimierend, die Möglichkeiten eines Jungenlebens zu erkämpfen, nicht zu resignieren unter all den Einschränkungen, die ein Mädchenleben schon rein äußerlich damals mit sich brachte.

Wie oft stand ich vor dem Spiegel und prüfte mit zarten Fingern die noch zarteren Stellen im Gesicht, die doch so langsam endlich einmal Haare hervorbringen mussten. Aber nichts geschah, die kleinen Härchen blieben wie sie waren. Ich liebte alle die Menschen, die meinten, mich aus der vermeintlich falschen öffentlichen Toilette schicken zu müssen, die mich als Jungen erkannten, weil ich schwarz bis zu den Ellbogen mein Mofa auseinandermontierte. Aber auch die, die mir mit lobendem Unterton bestätigten, dass an mir ein Junge verloren gegangen sei, weil ich mit der Heckenschere stundenlang meine Kraft und mein Durchhaltevermögen demonstrierte, oder in wilder Fahrt mit meinem Fahrrad heranpreschte, um dann mit nach hinten geschwungenem Bein abzusteigen, als ob da nicht die Stange fehlen würde, die mein Mädchenfahrrad zu meinem Leidwesen nicht bieten konnte. Immerhin hatte ich das Netz am Hinterrad, das das Verwickeln der Röcke mit den Speichen verhindern sollte, schon lange entfernt.

Ich war ein Junge und würde ein Mann werden. Kein Zweifel war da möglich, bei manchen dauerte es eben länger, bis die Stimme kippte und der Bartwuchs so richtig einsetzte. Auch das Wachsen der Brüste konnte nur ein vorübergehender Fehler sein, der sich sicher bald wieder von allein korrigieren würde. So lange musste ich eben meine Jungen-Unterhemden, die ich mir erstaunlicherweise erkämpft hatte, so straff ziehen, dass nicht die Gefahr bestand, dass jemand meine Unebenheiten erkennen konnte. Dies war eine Aufgabe, die nie endete, solange man in Bewegung war. Mütterliche Fragen, warum jedes Unterhemd nach kurzer Zeit in der Höhe des Gürtels zwei Löcher hatte, beantwortete ich mit Schulterzucken.

Das Leben eines Mädchens barg viele Entbehrungen in den sechziger Jahren, noch dazu hin auf dem Land, wo sich alles nur langsam weiterentwickelte. Ich wollte Pfadfinder sein, ich wollte Ministrant werden, ich wollte ein Fahrrad mit Stange und ich wollte nur mit einer Badehose bekleidet baden. Dies alles war nicht möglich, das Letztere anfangs noch, aber irgendwann auch nicht mehr. Aber ich konnte durchsetzen, im Fanfarenzug als erstes Mädchen eine Trommel zu schlagen. Es ging nicht um die Trommel, es ging darum, dass nur Jungen dies taten und mich würde also jeder als Jungen erkennen. Und ich wollte später zur See fahren, Kapitän auf großer See wollte ich werden. Lernte jeden Seemannsausdruck, den ich in Abenteuergeschichten finden konnte, bestellte mir, nur mit dem Nachnamen in der Adresse, sämtliche Unterlagen für eine Berufsausbildung bei der Handelsmarine. Und musste feststellen, dass ich zwar Funkoffizier werden konnte, aber nicht Kapitän. Nun denn, wieder ein Traum weniger, denn mittlerweile hatte ich die Hoffnung doch so ziemlich aufgegeben, dass sich da in nächster Zeit noch etwas ändern würde, an meiner körperlichen Entwicklung. Und ich liebte es, Theater zu spielen. Nachdem ich aus dem Alter heraus war, in dem man bei Auftritten im Altenheim als geschlechtslose Blume, Mäuschen oder Zwerg auftrat, gelang es mir immer wieder, Männerrollen zu ergattern, waren doch die theaterbegeisterten Jungen in der Minderheit. Als ich eines Tages während der Faschingszeit als Prinz verkleidet das Klassenzimmer betrat und ein Mädchen mich anschwärmte „ach, ich dachte, da kommt ein richtiger Prinz zur Tür herein“, da wurde sie eine Zeit lang zu meiner Freundin. Heiraten in der großen Pause war ein beliebtes Spiel unter den Mädchen, das einzige das ich begeistert mitspielte, war ich doch der Mann in unseren kurzen, aber immer wieder erneuerten Ehen.

Ansonsten spielte ich die bösen Spiele der Jungen. Allein, denn für sie war ich ja ein Mädchen, das sie nicht als ihresgleichen anerkannten. Ich jagte wie sie den Mädchen in der großen Pause die Brezeln ab, zog wie sie Wickelröcke auf und rannte mit vorgetäuschten Spinnen in der Hand quietschenden Mädchen hinterher. Irgendwann passte das alles nicht mehr. Ich zog mich mehr und mehr zurück, prüfte noch hin und wieder, mit immer weniger Hoffnung, den Bartwuchs und wurde zum Einzelgänger. Das erwachende Interesse zwischen Mädchen und Jungen passte nicht für mich. Für Jungen interessierte ich mich nur insofern, dass ich ihnen gleich sein wollte und für Mädchen durfte ich mich nicht interessieren, wusste noch nicht einmal, dass es auch diese Möglichkeit gab.

Es sollte noch sehr lange dauern, bis ich erkannte, dass es für mich mehr Möglichkeiten gab, als Junge oder Mädchen, als Mann oder Frau im herkömmlichen Sinne zu sein. Dass es völlig uninteressant und auch nicht notwendig war, mich in diese vorgegebenen Schubladen zu pressen, dass ich einfach ich sein konnte ohne jedes Wenn und Aber. Aber das ist eine andere, eine erwachsene Geschichte.

 

Veröffentlicht in: Ingrid Escher (Hrsg): Anthologie „Kindheitserinnerungen. CooL Verlag Bergisch Gladbach 2012