Kutscherblog

dies und das – bunt gemixt


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Ägypten – (k)eine Weihnachtsgeschichte

Es war letzte Weihnachten. Wie immer wurde unter dem Tannenbaum die Krippe aufgestellt und dieses Mal gab es von den Großeltern als Beigabe zwei Kamele. Sie machten sich gut inmitten der Krippenlandschaft, groß mit arrogantem Blick standen sie da und ließen die Schafe samt ihren Hirten, die sich wie jedes Jahr wieder um das Kind in der Krippe versammelt hatten, völlig verblassen.
Und mit diesen Kamelen begann es. Carolina, mit ihren fünf Jahren schon alleinige Beherrscherin des gesamten Haushaltes verliebte sich hemmungslos in diese mächtigen Tiere. Stundenlang konnte sie vor der Krippenlandschaft stehen, mit den Kamelen Auge in Auge Zwiesprache halten, sie schienen ihr tausend Dinge aus ihrer Heimat zu erzählen, die Carolina tief beeindruckten, sonst aber niemandem zugänglich waren. Und abends legte sie die Kamele schlafen. Man hätte meinen sollen, sie würde ihre Lieblinge mit ins eigene Bett nehmen, aber nein, die Kamele hatten ihr wohl erzählt, dass sie sich in ihrem eigenen Zuhause am wohlsten fühlten und sich vom täglichen Zwiegespräch hier am besten erholen konnten.
Weihnachten ging wie jedes Jahr vorüber und Carolina weinte bitterliche Tränen, als die Zeit kam und die Kamele in der großen Krippenpappschachtel verschwinden sollten, um hier ein Jahr lang auszuruhen.
Und nun begann es. Täglich erzählte Carolina Geschichten, die ihr die Kamele erzählt hatten und diese endeten immer mit dem Satz: Ich habe meinen Freunden versprochen, ihre Familie in Ägypten zu besuchen und ihr zu berichten, dass sie es bei uns gut haben. Jeden Tag, wochenlang, monatelang: „Ich habe meinen Freunden versprochen, ihre Familie in Ägypten zu besuchen und ihr zu berichten, dass sie es bei uns gut haben“.
Wen wundert es da noch, dass nichts anderes übrig blieb, als im Sommer einen Urlaub nach Ägypten zu buchen. Carolina hatte die Macht über die Familie endgültig an sich gerissen, niemand konnte ihre tägliche gebetsmühlenähnliche Beschwörung noch länger ertragen.
Und so fanden wir uns denn alle in einem Flugzeug nach Ägypten, nicht um wie andere Leute ein paar erholsame Wochen am herrlichen Sandstrand zu verbringen, Pyramiden zu bestaunen oder die Wunder der Wüste zu entdecken, nein wir waren unterwegs, um der Familie von Carolinas Freunden Gutes von ihren Angehörigen zu berichten.
Es kam wie es kommen musste, Carolina verbrachte ihre Tage Auge in Auge mit den Familienangehörigen unseres höckerigen Krippenpersonals und versank glücklich und zufrieden im Zwiegespräch mit ihnen. Einziger Unterschied zu Weihnachten, sie legte die Kamele abends nicht schlafen, das machten diese von ganz alleine.
Aber auch dieser Urlaub in Ägypten ging zuende, es gab viele heiße Tränen und doch traten wir den Rückflug ohne Widerspruch von Seiten Carolinas an, denn sie musste ja ihren Freunden zu Hause von der Verwandtschaft berichten. Still saß sie im Flugzeug, wir waren wohl dieses Mal nicht würdig, zu erfahren, welche Geschichte ihr ihre neuen Freunde in Ägypten erzählt hatten.
Aber sie platzte beinahe, es war nicht zu übersehen. Ihre Botschaft an die in der Krippenpappschachtel eingelagerten Kamele musste überbracht werden, musste aus ihr raus, sonst würden wir nicht mehr glücklich werden bis das nächste Weihnachten kam.
Und so kam es, dass die Krippenkamele bereits im Spätsommer ihre mitverpackten Schafe und Hirten verlassen durften und die Zeit bis Weihnachten in Carolinas Zimmer verbrachten, wo sie ihnen fast ohne Unterbrechung das erzählte, was die Angehörigen ihrer Freunde sie zu erzählen beauftragt hatten.
Was für ein Glück, dass Klapperschlangen und Eisbären nichts in einer Krippenlandschaft verloren haben.


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Katzenleben

Meine allererste Katze war etwa einen Tag alt, als ich sie bekam. Ich hatte sie in unserem Garten in einem kleinen Nest gefunden, ganz allein, zurückgelassen von der Katzenmutter, die mit dem Rest des Wurfs weitergezogen war. Fast verhungert, aber schon ein richtiges kleines Kätzchen, war sie sofort mitten in mein Kinderherz geplatzt und ich war mir sicher, sie als Ersatzkatzenmutter zu einer großen und starken Katze aufzupäppeln. Meine eigene Mutter hatte mir vorsichtig zu erklären versucht, dass verlassene Katzenkinder kranke Katzenkinder sind, die keine Chance haben, durchzukommen und darum von ihrer Mutter verlassen werden.
Aber Mütter reden vieles und Kinder wissen es immer und in jedem Fall besser und so war ich mir sicher, die kleine Katze retten zu können. Mit einem Milch-Wasser-Gemisch aus einer Flasche, die zuvor bunte Liebesperlen enthalten hatte, fütterte ich das Katzenkind vorsichtig.
Es blieb mir nicht länger als einen Tag und mit seinem Tod zerbrach ein Stück meines Kinderherzens.

Dann, viele Jahre später, kam Maunzerle. Ein kleiner schwarzer Kater aus irgendeinem ungewollten Wurf kätzischer Familienplanung. Seinen Namen bekam er nach dem kleinen Kater, der Kater Mikeschs Nachfolge angetreten hatte, aber immer einen Sprachfehler behielt und sich selbst als „Mauntscherle“ bezeichnete. Maunzerle schaffte es allerdings nicht einmal bis zu einem Sprachfehler. Er ließ vieles mit sich machen, als er aber gestiefelter Kater spielen sollte schlug er zu und verfehlte nur knapp ein Kinderauge, was ihm endlich den nötigen Respekt verschaffte, der einem fast erwachsenen Kater zusteht.
Irgendwann war es dann so weit, aus der kleinen schwarzen Katze war ein stattlicher Kater geworden, der im und um das Haus herum alles markierte, was er nur erreichen konnte. Hätte er es nur draußen getan, so wäre nichts weiter geschehen, aber im Haus – das brachte ihm den schweren Gang zur Kastration. Aus Sparsamkeitsgründen, oder sollte ich lieber sagen, aus Geiz, packte mein damaliger Mitbewohner den armen Kater in einen Pappkarton, nahm ihn unter den Arm und marschierte Richtung Tierheim, wo die Kastration stattfinden sollte. Aber ein Kater in Not und mit einem Instinkt für das Schicksal, das ihm bevorsteht, entwickelt ungeahnte Kräfte, und so war der Pappkarton kein Hindernis für den bedrohten Kater.
Er floh am nahen Waldrand auf einen Baum und blieb dort sitzen. Da ich an der Aktion nicht beteiligt gewesen war, hoffte ich, weiterhin in seiner Gunst zu stehen und versuchte ihn vom Baum zu locken. Gute Worte erreichten lediglich, dass er weiter nach oben kletterte, eine Schüssel mit duftendem Futter brachte ihn immerhin ein paar Äste abwärts. Nach zwei Stunden, es war schon dunkel geworden, ließ ich ihm das Futter zurück und ging nach Hause.
Am nächsten Tag war alles gefressen, der Kater saß auf dem Baum und wartete auf Nachschub. So ging es drei Tage, dann war der Kater nicht mehr da, als ich wiederkam.
Er führte von jetzt an, hoffentlich noch sehr lange, ein freies und unabhängiges Katzenleben.

Dann kam Isidor. Wie der Name entstand lässt sich nicht mehr herausfinden. Isidor war ein Friedhofskater. Gemeinsam mit seinem Bruder war er ausgesetzt worden und die beiden hatten auf dem städtischen Friedhof eine neue Heimat gefunden. Zwei kleine Kater lebten hier ein freies und wildes Leben, Gesellten sich zu den Menschen, wenn ihnen danach war, blieben aber im Allgemeinen unter sich, bis ihnen ihr Bedürfnis nach menschlicher Zuwendung zum Verhängnis wurde.
Immer wieder strichen Sie dem Pastor und der Trauergemeinde bei Beerdigungen, direkt am offenen Grab, um die Füße, was einige der Trauernden als pietätlos empfanden. Kann eine Katze pietätlos sein? Wohl kaum, aber ihr Schicksal war damit besiegelt, sie wurden eingefangen und ins Tierheim gebracht. Was aus Isidors Bruder wurde weiß niemand, Isidor war allein, als ich ihn aus dem Heim zu mir holte. Der kleine Kater gewöhnte sich schnell in der neuen Umgebung ein, blieb aber immer sehr unabhängig und selbständig. Nachts spielte er gerne das Spiel „Auto ärgere Dich nicht“ und erstaunlicherweise gewann er immer. Isidor saß am Rand der Durchgangsstraße vor dem Haus und wartete, bis er ein Auto erspähte. Wenn es nur noch wenige Meter entfernt von ihm war, stolzierte er hoch erhobenen Hauptes über die Straße und wartete auf der anderen Seite auf das nächste Spielzeug.
Irgendwann kam er zwei Tage nicht nach Hause. Nicht ungewöhnlich für einen Kater, wenn der Frühling kommt. Aber dann kam er eine Woche lang nicht mehr und dann fehlte er einen ganzen Monat. Dafür suchte mich eine alte Frau auf. Sie wohnte nur wenige Straßen weiter und beschwerte sich, bei ihr wären plötzlich zwei Tigerkatzen. Sie hätte das erst gar nicht bemerkt, weil meist immer nur eine im Haus war. Sie müsste jetzt zwei Katzen füttern, dabei wäre eine davon doch meine. Aber was sollte ich tun? Solange sie zwei Katzen fütterte, würden zwei Katzen auch bei ihr fressen. Isidor hatte also einen Freund samt Vollpension gefunden und brauchte mich nicht mehr. Etwas konsterniert war ich schon, aber was sollte ich machen? Wenn sich eine Katze ein neues Zuhause sucht, so lässt sie sich da nicht drein reden. Aus einem Monat wurden drei, aus drei Monaten wurde ein halbes Jahr. Er kam immer mal wieder kurz zurück, um nach dem Rechten zu sehen und um zu zeigen, dass es ihm gut ging. Und dann kam er nicht mehr.
Ein paar Jahre später, ich war in eine andere Stadt gezogen, tauchte er plötzlich bei den neuen Hausbewohnern wieder auf. Krank und heruntergekommen und er musste kurz darauf eingeschläfert werden.

Gregor Miezi, frei nach Gregor Gysi benannt, war eine Katze mit frühkindlichem Trauma. Ich weiß nicht mehr, woher sie kam, aber sie war wohl nur knapp mit dem Leben davongekommen und musste schlimme Erfahrungen mit menschlichen Füßen gemacht haben. Bewegte sich einer davon, so war Gregor Miezi auf und davon. Es dauerte lange, bis er sich einigermaßen eingewöhnt hatte, aber mehr als sein Fressen wollte er nie von mir. Er blieb ein Einzelgänger, der sich mit den Menschen nicht wirklich anfreunden konnte. Als ich wegzog, blieb er zurück und suchte sich einen neuen Dosenöffner unter denen, die nach mir kamen.

Dann kamen kurz nacheinander Swipp, genannt nach Oles Hund aus Astrid Lindgrens Geschichten aus Bullerbü, und etwas später Django. Swipp kam aus dem Tierheim, Django von einem Bauernhof. Ursprünglich hieß er Peterle, wir stellten fest, dass es sich eigentlich um eine Petra handelte, aber da stand Django schon fest als neuer Name und er beschwerte sich nicht.
Beide klein und schüchtern schlossen sie sich zunächst aneinander an. Später gab es immer Phasen, in denen sie sich mochten und Phasen, in denen der Abstand nicht groß genug sein konnte. Django war der Unabhängigere von beiden. Er kam und ging, wie er wollte und meist ging er lieber. Nur hin und wieder hatte auch er das Bedürfnis nach Bauchkraulen und schnurrte verzückt, bis es ihm schon bald zu viel wurde und er wieder das Weite suchte. Vermutlich hatte er ein schönes Leben, soweit das aus menschlicher Perspektive über eine Katze gesagt werden kann. Er war der Herr über einige Hektar Land, besaß viele Bäume und Mauern, auf denen er sich vom Frühling bis zum späten Herbst herumtrieb und im Winter lag er im Haus hinter dem Ofen und schnurrte. Wenn er doch einmal hinaus in den Schnee musste, sah man immer ganz kurz etwas Schwarzes in die Luft hüpfen, damit es nur ja zu möglichst wenig Kontakt mit dem Schnee kam.
Eines Tages lag er tot im Heu. Er war noch nicht wirklich alt, niemand wusste, was geschehen war.
Swipp war die letzte. Sie besaß nun das ganze Gelände für sich allein, schloss Freundschaft mit dem Hund, dem sie sich fast mehr anschloss als früher ihrer kätzischen Genossin.
Eines Nachts stand Swipp vor meinem Bett. Ich erwachte durch ein jämmerliches Katzengeschrei und erkannte auch schnell, was der Grund für dieses Elend war. Swipp hatte irgendwo ein Honigband, das als Fliegenfalle von der Decke hing, als Spielzeug gefunden und es war ihr auch gelungen, dieses einzufangen. Aber dann hatte die Fliegenfalle zurückgeschlagen und je mehr sich die Katze gegen das klebrige Band wehrte, desto mehr verfing sie sich darin. Und da stand sie nun, völlig verwickelt in den Klebstreifen und wusste sich nicht mehr zu helfen. Vorsichtig versuchte ich, das Band zu entfernen, ohne ihr weh zu tun. Vermutlich ging es nicht ganz ohne Schmerzen, aber die arme Katze ließ alles mit sich machen, Hauptsache, sie wurde befreit. Die ganze Nacht lag sie in meinem Arm und rührte sich nicht mehr von der Stelle. Und obwohl Tiere in meinem Bett gewöhnlich nichts verloren haben, konnte ich es ihr in dieser Nacht nicht abschlagen.

Jetzt gibt es wohl auch Swipp nicht mehr. Sie war alt und der Tierarzt hatte sie schon lange einschläfern wollen. Es ging ihr aber gut, sie fing weiterhin Mäuse, auch mit nur noch wenigen Zähnen, sie ließ sich das Futter schmecken und schnurrte wie ein kleiner Elektromotor, wenn sie ihre Streicheleinheiten einforderte. Warum also sollte sie nicht noch ein paar ruhige Monate oder Jahre genießen?
Eines Tages ging sie weg. Vermutlich war ihre Zeit gekommen und sie machte sich auf den Weg in die ewigen Jagdgründe. Ob sie dort die anderen alle getroffen hat? Ob sie sich dort Geschichten erzählen und sich erinnern an ihren gemeinsamen Dosenöffner?

Veröffentlicht in:
Inge Escher & Patricia Brigl (Hrsg.):
Vom Kater Murkel & anderen Miezekatzen
Elbverlag, Barleben 2011


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Knut

Knut genoss das Leben.. Er war weiß und noch ein bisschen unbeholfen. Und er genoss es über die Maßen, dass alle Welt ihn liebte. Zwar benahm er sich immer so, als ginge ihm der ganze Trubel um ihn an seinen weißen Bärenschinken vorbei, aber so war es nicht. Im Gegenteil. Er liebte es , von allen geliebt zu werden. Er konnte tun und lassen, was er wollte, er durfte sogar an seinem Pfleger herumknabbern, ohne dass sich jemand darüber aufregte. Er genoss es sehr und er wusste auch warum.
In seinem letzten Leben war das nämlich ganz anders gewesen. Da war er braun und schon etwas größer und sein Name war Bruno.
Da hatten sie ihn alle gehasst. Aber berühmt gewesen war er auch. Sogar ein Ministerpräsident hatte eine Rede über ihn gehalten und ihm einen Nachnamen gegeben. Nach der Rede hieß er Bruno Problembär. Aber sie hassten ihn noch immer. Dabei hatte er nur getan, was ein Bär tun muss. Und dann hatte ihn einer erschossen.

Aber jetzt war er wieder da. Weiß und knuddelig und er besaß nur einen Vornamen. Aber berühmt war er schon jetzt. Und eines Tages würde er es wieder versuchen. Wenn er größer war und stärker. Dann würde er wieder losziehen und er würde tun, was ein Bär eben tun muss.
Vielleicht gelang es ja dieses Mal.