Kutscherblog

dies und das – bunt gemixt


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Gendern ist was für Ältere

Sie sitzt mir gegenüber und erzählt: „Da war eine ältere Frau, die hat sehr gegendert.“ Aha, denke ich, sie hat gegendert, und ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich kenne Gender, aber gegendert? Ich bin auch älter, vielleicht liegt es ja daran, dass mir dieses Wort bislang nicht begegnete.
Sie erzählt weiter: „Diese ältere Frau vertrat die Ansicht, dass Lesben in den homosexuellen Netzwerken und Verbänden nicht vorkommen. Dass es immer vor allem um Schwule geht. Wir jungen Frauen“, so fuhr sie fort, „wir brauchen das aber nicht mehr, dass Lesben – oder in heterosexuellen Bezügen Frauen – immer extra erwähnt werden. Denn wir sind damit aufgewachsen, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Man muss Lesben und Frauen nicht mehr dauernd erwähnen.“
Was für eine Logik, denke ich. Aber vielleicht hängt auch das mit dem Ältersein zusammen, dass ich diese Logik nicht verstehe, dass mir dieser Satz sogar das genaue Gegenteil der eigentlichen Aussage aufdrängen will?

Aber im Ernst, ich würde zu gerne einmal herausfinden, ob „Gendern“ wirklich eine Frage des Älterwerdens ist oder nicht vielleicht doch eher des unterschiedlichen politischen Bewusstseins.


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Und ewig plärrt der Rasenmäher

Samstagmorgen auf der Terrasse. Vermutlich wäre ich noch nicht hier, wenn nicht, wie wir gestern schon vermutet haben, seit frühmorgens, für Samstag extrem frühmorgens, im Nachbargarten der Rasenmäher lärmte. Ein Mietshaus, das diese Arbeit an irgendjemanden vergeben hat und dieser Jemand hat vermutlich noch eine andere Arbeit und kommt deshalb fast immer am Samstagmorgen, wenn andere Leute schlafen wollen. Wäre ja schön, wenn der Rasen mähende Mensch mit seinen dicken Ohrschützern auf dem Kopf, mich damit zu einer Phase höchster Kreativität erweckt hätte, die ich sonst schlafend verpasst hätte. Aber leider habe ich nicht derartige Ohrenschützer und bin seinem Lärm hilflos ausgeliefert. Alle paar Minuten (oder Sekunden?) hält er an und schüttet den vollen Grassack in die Tonne. Bei laufendem Motor selbstverständlich, und dann geht’s wieder weiter. Diese Höllenmaschine treibt jeden Gedanken, jede Idee und jede Fähigkeit zur Konzentration aus meinem Kopf. Jetzt redet er auch noch plötzlich vor sich hin, hört er Stimmen, mit denen er spricht oder hat er ein Headset? Oder redet er nur dem Rasenmäher gut zu? Jedenfalls muss er ziemlich laut sein, um stimmliche Oberhand zu gewinnen. Vermutlich ist es deshalb zu anstrengend, denn er hat wieder aufgegeben und ich muss mich wenigstens nicht mehr von zwei Lärmquellen ablenken lassen. Und eigentlich müsste er auch bald mal fertig sein, so groß ist der Garten doch gar nicht. Allerdings weiß man nicht, was dann folgt. Es gab schon Tage, da griff er anschließend zur Heckenschere und machte alles lautstark nieder, was es irgendwie geschafft hatte, ein wenig Grün und Sichtschutz zu bilden.

Da kniet der Mann plötzlich vor der Maschine. „Ach Ingo“, höre ich, dann steht er auf und weiter geht’s. Also besitzt dieses lärmende Etwas eine Seele und muss hin und wieder psychologisch betreut werden, verlangt nach Zuspruch? Die beiden ziehen weiter ihre Runden durch Nachbars Garten.

Es ist Samstagmorgen und der Rasenmäherlärm findet kein Ende. Ach Ingo!


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Ägypten – (k)eine Weihnachtsgeschichte

Es war letzte Weihnachten. Wie immer wurde unter dem Tannenbaum die Krippe aufgestellt und dieses Mal gab es von den Großeltern als Beigabe zwei Kamele. Sie machten sich gut inmitten der Krippenlandschaft, groß mit arrogantem Blick standen sie da und ließen die Schafe samt ihren Hirten, die sich wie jedes Jahr wieder um das Kind in der Krippe versammelt hatten, völlig verblassen.
Und mit diesen Kamelen begann es. Carolina, mit ihren fünf Jahren schon alleinige Beherrscherin des gesamten Haushaltes verliebte sich hemmungslos in diese mächtigen Tiere. Stundenlang konnte sie vor der Krippenlandschaft stehen, mit den Kamelen Auge in Auge Zwiesprache halten, sie schienen ihr tausend Dinge aus ihrer Heimat zu erzählen, die Carolina tief beeindruckten, sonst aber niemandem zugänglich waren. Und abends legte sie die Kamele schlafen. Man hätte meinen sollen, sie würde ihre Lieblinge mit ins eigene Bett nehmen, aber nein, die Kamele hatten ihr wohl erzählt, dass sie sich in ihrem eigenen Zuhause am wohlsten fühlten und sich vom täglichen Zwiegespräch hier am besten erholen konnten.
Weihnachten ging wie jedes Jahr vorüber und Carolina weinte bitterliche Tränen, als die Zeit kam und die Kamele in der großen Krippenpappschachtel verschwinden sollten, um hier ein Jahr lang auszuruhen.
Und nun begann es. Täglich erzählte Carolina Geschichten, die ihr die Kamele erzählt hatten und diese endeten immer mit dem Satz: Ich habe meinen Freunden versprochen, ihre Familie in Ägypten zu besuchen und ihr zu berichten, dass sie es bei uns gut haben. Jeden Tag, wochenlang, monatelang: „Ich habe meinen Freunden versprochen, ihre Familie in Ägypten zu besuchen und ihr zu berichten, dass sie es bei uns gut haben“.
Wen wundert es da noch, dass nichts anderes übrig blieb, als im Sommer einen Urlaub nach Ägypten zu buchen. Carolina hatte die Macht über die Familie endgültig an sich gerissen, niemand konnte ihre tägliche gebetsmühlenähnliche Beschwörung noch länger ertragen.
Und so fanden wir uns denn alle in einem Flugzeug nach Ägypten, nicht um wie andere Leute ein paar erholsame Wochen am herrlichen Sandstrand zu verbringen, Pyramiden zu bestaunen oder die Wunder der Wüste zu entdecken, nein wir waren unterwegs, um der Familie von Carolinas Freunden Gutes von ihren Angehörigen zu berichten.
Es kam wie es kommen musste, Carolina verbrachte ihre Tage Auge in Auge mit den Familienangehörigen unseres höckerigen Krippenpersonals und versank glücklich und zufrieden im Zwiegespräch mit ihnen. Einziger Unterschied zu Weihnachten, sie legte die Kamele abends nicht schlafen, das machten diese von ganz alleine.
Aber auch dieser Urlaub in Ägypten ging zuende, es gab viele heiße Tränen und doch traten wir den Rückflug ohne Widerspruch von Seiten Carolinas an, denn sie musste ja ihren Freunden zu Hause von der Verwandtschaft berichten. Still saß sie im Flugzeug, wir waren wohl dieses Mal nicht würdig, zu erfahren, welche Geschichte ihr ihre neuen Freunde in Ägypten erzählt hatten.
Aber sie platzte beinahe, es war nicht zu übersehen. Ihre Botschaft an die in der Krippenpappschachtel eingelagerten Kamele musste überbracht werden, musste aus ihr raus, sonst würden wir nicht mehr glücklich werden bis das nächste Weihnachten kam.
Und so kam es, dass die Krippenkamele bereits im Spätsommer ihre mitverpackten Schafe und Hirten verlassen durften und die Zeit bis Weihnachten in Carolinas Zimmer verbrachten, wo sie ihnen fast ohne Unterbrechung das erzählte, was die Angehörigen ihrer Freunde sie zu erzählen beauftragt hatten.
Was für ein Glück, dass Klapperschlangen und Eisbären nichts in einer Krippenlandschaft verloren haben.


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Katzenleben

Meine allererste Katze war etwa einen Tag alt, als ich sie bekam. Ich hatte sie in unserem Garten in einem kleinen Nest gefunden, ganz allein, zurückgelassen von der Katzenmutter, die mit dem Rest des Wurfs weitergezogen war. Fast verhungert, aber schon ein richtiges kleines Kätzchen, war sie sofort mitten in mein Kinderherz geplatzt und ich war mir sicher, sie als Ersatzkatzenmutter zu einer großen und starken Katze aufzupäppeln. Meine eigene Mutter hatte mir vorsichtig zu erklären versucht, dass verlassene Katzenkinder kranke Katzenkinder sind, die keine Chance haben, durchzukommen und darum von ihrer Mutter verlassen werden.
Aber Mütter reden vieles und Kinder wissen es immer und in jedem Fall besser und so war ich mir sicher, die kleine Katze retten zu können. Mit einem Milch-Wasser-Gemisch aus einer Flasche, die zuvor bunte Liebesperlen enthalten hatte, fütterte ich das Katzenkind vorsichtig.
Es blieb mir nicht länger als einen Tag und mit seinem Tod zerbrach ein Stück meines Kinderherzens.

Dann, viele Jahre später, kam Maunzerle. Ein kleiner schwarzer Kater aus irgendeinem ungewollten Wurf kätzischer Familienplanung. Seinen Namen bekam er nach dem kleinen Kater, der Kater Mikeschs Nachfolge angetreten hatte, aber immer einen Sprachfehler behielt und sich selbst als „Mauntscherle“ bezeichnete. Maunzerle schaffte es allerdings nicht einmal bis zu einem Sprachfehler. Er ließ vieles mit sich machen, als er aber gestiefelter Kater spielen sollte schlug er zu und verfehlte nur knapp ein Kinderauge, was ihm endlich den nötigen Respekt verschaffte, der einem fast erwachsenen Kater zusteht.
Irgendwann war es dann so weit, aus der kleinen schwarzen Katze war ein stattlicher Kater geworden, der im und um das Haus herum alles markierte, was er nur erreichen konnte. Hätte er es nur draußen getan, so wäre nichts weiter geschehen, aber im Haus – das brachte ihm den schweren Gang zur Kastration. Aus Sparsamkeitsgründen, oder sollte ich lieber sagen, aus Geiz, packte mein damaliger Mitbewohner den armen Kater in einen Pappkarton, nahm ihn unter den Arm und marschierte Richtung Tierheim, wo die Kastration stattfinden sollte. Aber ein Kater in Not und mit einem Instinkt für das Schicksal, das ihm bevorsteht, entwickelt ungeahnte Kräfte, und so war der Pappkarton kein Hindernis für den bedrohten Kater.
Er floh am nahen Waldrand auf einen Baum und blieb dort sitzen. Da ich an der Aktion nicht beteiligt gewesen war, hoffte ich, weiterhin in seiner Gunst zu stehen und versuchte ihn vom Baum zu locken. Gute Worte erreichten lediglich, dass er weiter nach oben kletterte, eine Schüssel mit duftendem Futter brachte ihn immerhin ein paar Äste abwärts. Nach zwei Stunden, es war schon dunkel geworden, ließ ich ihm das Futter zurück und ging nach Hause.
Am nächsten Tag war alles gefressen, der Kater saß auf dem Baum und wartete auf Nachschub. So ging es drei Tage, dann war der Kater nicht mehr da, als ich wiederkam.
Er führte von jetzt an, hoffentlich noch sehr lange, ein freies und unabhängiges Katzenleben.

Dann kam Isidor. Wie der Name entstand lässt sich nicht mehr herausfinden. Isidor war ein Friedhofskater. Gemeinsam mit seinem Bruder war er ausgesetzt worden und die beiden hatten auf dem städtischen Friedhof eine neue Heimat gefunden. Zwei kleine Kater lebten hier ein freies und wildes Leben, Gesellten sich zu den Menschen, wenn ihnen danach war, blieben aber im Allgemeinen unter sich, bis ihnen ihr Bedürfnis nach menschlicher Zuwendung zum Verhängnis wurde.
Immer wieder strichen Sie dem Pastor und der Trauergemeinde bei Beerdigungen, direkt am offenen Grab, um die Füße, was einige der Trauernden als pietätlos empfanden. Kann eine Katze pietätlos sein? Wohl kaum, aber ihr Schicksal war damit besiegelt, sie wurden eingefangen und ins Tierheim gebracht. Was aus Isidors Bruder wurde weiß niemand, Isidor war allein, als ich ihn aus dem Heim zu mir holte. Der kleine Kater gewöhnte sich schnell in der neuen Umgebung ein, blieb aber immer sehr unabhängig und selbständig. Nachts spielte er gerne das Spiel „Auto ärgere Dich nicht“ und erstaunlicherweise gewann er immer. Isidor saß am Rand der Durchgangsstraße vor dem Haus und wartete, bis er ein Auto erspähte. Wenn es nur noch wenige Meter entfernt von ihm war, stolzierte er hoch erhobenen Hauptes über die Straße und wartete auf der anderen Seite auf das nächste Spielzeug.
Irgendwann kam er zwei Tage nicht nach Hause. Nicht ungewöhnlich für einen Kater, wenn der Frühling kommt. Aber dann kam er eine Woche lang nicht mehr und dann fehlte er einen ganzen Monat. Dafür suchte mich eine alte Frau auf. Sie wohnte nur wenige Straßen weiter und beschwerte sich, bei ihr wären plötzlich zwei Tigerkatzen. Sie hätte das erst gar nicht bemerkt, weil meist immer nur eine im Haus war. Sie müsste jetzt zwei Katzen füttern, dabei wäre eine davon doch meine. Aber was sollte ich tun? Solange sie zwei Katzen fütterte, würden zwei Katzen auch bei ihr fressen. Isidor hatte also einen Freund samt Vollpension gefunden und brauchte mich nicht mehr. Etwas konsterniert war ich schon, aber was sollte ich machen? Wenn sich eine Katze ein neues Zuhause sucht, so lässt sie sich da nicht drein reden. Aus einem Monat wurden drei, aus drei Monaten wurde ein halbes Jahr. Er kam immer mal wieder kurz zurück, um nach dem Rechten zu sehen und um zu zeigen, dass es ihm gut ging. Und dann kam er nicht mehr.
Ein paar Jahre später, ich war in eine andere Stadt gezogen, tauchte er plötzlich bei den neuen Hausbewohnern wieder auf. Krank und heruntergekommen und er musste kurz darauf eingeschläfert werden.

Gregor Miezi, frei nach Gregor Gysi benannt, war eine Katze mit frühkindlichem Trauma. Ich weiß nicht mehr, woher sie kam, aber sie war wohl nur knapp mit dem Leben davongekommen und musste schlimme Erfahrungen mit menschlichen Füßen gemacht haben. Bewegte sich einer davon, so war Gregor Miezi auf und davon. Es dauerte lange, bis er sich einigermaßen eingewöhnt hatte, aber mehr als sein Fressen wollte er nie von mir. Er blieb ein Einzelgänger, der sich mit den Menschen nicht wirklich anfreunden konnte. Als ich wegzog, blieb er zurück und suchte sich einen neuen Dosenöffner unter denen, die nach mir kamen.

Dann kamen kurz nacheinander Swipp, genannt nach Oles Hund aus Astrid Lindgrens Geschichten aus Bullerbü, und etwas später Django. Swipp kam aus dem Tierheim, Django von einem Bauernhof. Ursprünglich hieß er Peterle, wir stellten fest, dass es sich eigentlich um eine Petra handelte, aber da stand Django schon fest als neuer Name und er beschwerte sich nicht.
Beide klein und schüchtern schlossen sie sich zunächst aneinander an. Später gab es immer Phasen, in denen sie sich mochten und Phasen, in denen der Abstand nicht groß genug sein konnte. Django war der Unabhängigere von beiden. Er kam und ging, wie er wollte und meist ging er lieber. Nur hin und wieder hatte auch er das Bedürfnis nach Bauchkraulen und schnurrte verzückt, bis es ihm schon bald zu viel wurde und er wieder das Weite suchte. Vermutlich hatte er ein schönes Leben, soweit das aus menschlicher Perspektive über eine Katze gesagt werden kann. Er war der Herr über einige Hektar Land, besaß viele Bäume und Mauern, auf denen er sich vom Frühling bis zum späten Herbst herumtrieb und im Winter lag er im Haus hinter dem Ofen und schnurrte. Wenn er doch einmal hinaus in den Schnee musste, sah man immer ganz kurz etwas Schwarzes in die Luft hüpfen, damit es nur ja zu möglichst wenig Kontakt mit dem Schnee kam.
Eines Tages lag er tot im Heu. Er war noch nicht wirklich alt, niemand wusste, was geschehen war.
Swipp war die letzte. Sie besaß nun das ganze Gelände für sich allein, schloss Freundschaft mit dem Hund, dem sie sich fast mehr anschloss als früher ihrer kätzischen Genossin.
Eines Nachts stand Swipp vor meinem Bett. Ich erwachte durch ein jämmerliches Katzengeschrei und erkannte auch schnell, was der Grund für dieses Elend war. Swipp hatte irgendwo ein Honigband, das als Fliegenfalle von der Decke hing, als Spielzeug gefunden und es war ihr auch gelungen, dieses einzufangen. Aber dann hatte die Fliegenfalle zurückgeschlagen und je mehr sich die Katze gegen das klebrige Band wehrte, desto mehr verfing sie sich darin. Und da stand sie nun, völlig verwickelt in den Klebstreifen und wusste sich nicht mehr zu helfen. Vorsichtig versuchte ich, das Band zu entfernen, ohne ihr weh zu tun. Vermutlich ging es nicht ganz ohne Schmerzen, aber die arme Katze ließ alles mit sich machen, Hauptsache, sie wurde befreit. Die ganze Nacht lag sie in meinem Arm und rührte sich nicht mehr von der Stelle. Und obwohl Tiere in meinem Bett gewöhnlich nichts verloren haben, konnte ich es ihr in dieser Nacht nicht abschlagen.

Jetzt gibt es wohl auch Swipp nicht mehr. Sie war alt und der Tierarzt hatte sie schon lange einschläfern wollen. Es ging ihr aber gut, sie fing weiterhin Mäuse, auch mit nur noch wenigen Zähnen, sie ließ sich das Futter schmecken und schnurrte wie ein kleiner Elektromotor, wenn sie ihre Streicheleinheiten einforderte. Warum also sollte sie nicht noch ein paar ruhige Monate oder Jahre genießen?
Eines Tages ging sie weg. Vermutlich war ihre Zeit gekommen und sie machte sich auf den Weg in die ewigen Jagdgründe. Ob sie dort die anderen alle getroffen hat? Ob sie sich dort Geschichten erzählen und sich erinnern an ihren gemeinsamen Dosenöffner?

Veröffentlicht in:
Inge Escher & Patricia Brigl (Hrsg.):
Vom Kater Murkel & anderen Miezekatzen
Elbverlag, Barleben 2011


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Mitfahrgelegenheit

Die Reise sollte um 13 Uhr in R. beginnen und nach O. führen. Ich hatte im Internet eine Mitfahrgelegenheit angeboten und nun rief mich etwa drei Stunden vor Abfahrt doch noch jemand an. Eine junge Frau, nach der Stimme zu schließen. Ich erklärte ihr, ich wohne in R., würde sie aber, da es für sie und für mich geschickter war, in T. am Bahnhof abholen.
„Wunderbar“, dachte ich mir, „nun hat es doch noch geklappt. Die Reise wird nicht so teuer und Umstände macht es auch keine. Da T. direkt an meiner Strecke liegt, schadet ein kleiner Umweg zum Bahnhof nichts“.
So weit so gut. Ich war etwas im Verzug und kam erst mit ein paar Minuten Verspätung von zuhause weg. Von unterwegs rief ich sie an, es würde noch ein paar Minuten dauern, aber ich käme auf jeden Fall und es dauere auch nicht lange. Kein Problem, antwortete sie, sie wäre ja auch noch unterwegs und käme erst in einer halben Stunde. Nun gut, ich durfte mich nicht beschweren, war ich ja selbst zu spät. Fünf Minuten später stand ich am Bahnhof und wartete.
Eine halbe Stunde wäre zu verkraften, es war ja noch früh am Nachmittag. Nach einer halben Stunde wartete ich allerdings immer noch. Nach weiteren 20 Minuten stand ich immer noch da, warum rief sie mich denn nicht an? Oder suchte sie mich, hatte ich das Auto falsch beschrieben oder gar nicht, stand ich am falschen Ende des Bahnhofs? Ich rief sie wieder an. „Ich bin gerade an der letzten Ampel vor dem Bahnhof, ich bin sofort da.“ An der letzten Ampel? Sie kam gar nicht mit dem Zug? Warum hatte sie mich dann unbedingt am Bahnhof treffen wollen, es hätte auch bessere Orte gegeben. Zu spät, es war ja auch meine Schuld, hatte ich doch zu wenig intensiv nachgefragt. Ich wartete wieder. Noch einmal 20 Minuten – langsam wurde ich ärgerlich. Wir hatten immerhin mindestens fünf Stunden Fahrt vor uns und wenn wir zu spät loskamen, erwischten wir mit Sicherheit auch noch rund um Frankfurt den Feierabendverkehr.
Also gut, noch einmal anrufen: „Wo, verdammt noch mal (das verdammt noch mal dachte ich allerdings nur, wir mussten ja schließlich noch einige Stunden gemeinsam in einem kleinen Auto verbringen), bist du denn?“
Sie stehe am Bahnhof und warte auf mich, könne mich aber nirgends sehen. Da drängte sich mir ein böser Verdacht auf. War sie etwa an einem anderen Bahnhof, als ich? Sie war. „Himmeldonnerwetternochmal (auch dies gerade noch mal verschluckt), ich komme.“
So fuhr ich also zurück nach R., wo ich gestartet war, zum Bahnhof. „Du hattest doch gesagt, du wohnst in R., da wollte ich keine Umstände machen und bin direkt hierher gefahren“. Ein Schreikrampf meinerseits war nur noch mit Mühe zu unterdrücken. Aber was sollte ich tun. Da stand sie, unschuldig lächelnd, keine junge Frau, sondern ein Teenager. Ich konnte sie doch nicht einfach stehen lassen. Und die verlorenen gefühlten vier Stunden würde es mir auch nicht zurückbringen.
Kaum im Auto, begann sie ihre Zigaretten auszupacken, wagte dann aber doch nicht zu Rauchen, sondern fing an zu erzählen. Eine Stunde später wusste ich praktisch alles, was es über sie zu wissen gab, Dinge, die mich nicht wirklich interessierten, aber sie war nicht zu bremsen. Ich tat so, als hörte ich zu, sagte hin und wieder „ja“, „achso“, „aber klar“ und betete, dass sie irgendwann ermüden würde, denn meine Geduld neigte sich dem Ende zu. Und meine Gebete wurden erhört. Ihr Handy klingelte und sie war fortan beschäftigt mit telefonieren.
Auf eine Diskussion über den Ort, an welchem sie wünschte abgesetzt zu werden, ließ ich mich nicht ein. Jetzt bestimmte ich und sie telefonierte noch einmal ausgiebig, wie sie sich dort abholen lassen könnte. Mein Ton hatte sie wohl etwas eingeschüchtert und letztendlich waren wir beide froh, als unsere gemeinsame Fahrt zu ende war. Vermutlich würden wir uns nie mehr treffen, was mich nicht traurig stimmte.
Und dann war sie weg, eine gelbe Handysocke ließ sie mir zurück.


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Die Reise

Sobald es dunkel wurde versammelten sie sich am Fluss. Die Gestrandeten, die Überflüssigen, die Unerwünschten. Sie wärmten sich am Feuer und rieben sich die Hände über den Flammen. Und sie erzählten von ihren Reisen, die so unterschiedlich waren wie die verwitterten Gestalten selber, die im flackernden Licht fast gespensterhaft wirkten.
Da war der alte Berber, der eigentlich längst in Rente sein sollte. Aber Berber kennen keine Rente und so würde er immer weiter reisen. Die kühlen Nächte machten ihm klar, dass es bald wieder an der Zeit war, Richtung Süden zu ziehen. Er würde seine Runden drehen, bis eines Tages eine ganz andere Reise beginnen würde.
Neben ihm die schmächtige 15jährige Punkerin mit dem tapsigen Hundekind. Mit 13 Jahren hatte sie ihre Reise begonnen. Noch nicht stark genug, sich zu wehren, hatte sie dennoch beschlossen,. dass es genug sei und sich auf den Weg gemacht. Keine große Reise in Schritten gemessen, aber riesig, was die Entfernung vom alten Leben betraf.
Dann der Transsexuelle. Als Mädchen geboren und doch zeitlebens eher Mann gewesen. Nirgends dazugehörig, immer am falschen Platz, hatte er sich eines Tages aus der Welt der Frauen davongemacht und doch die Welt der Männer nicht erreicht. Seine Reise würde erst enden, wenn er erkannt haben würde, dass man nicht einteilen konnte in Männer und Frauen, dass man sich nicht zugehörig fühlen konnte zu genormten Figuren, die kein eigenes Leben hatten. Aber davon war er noch weit entfernt, er würde noch lange reisen und suchen müssen, um anstatt einer Frau oder eines Mannes sich selbst zu finden.
Zwischen ihnen die kräftige schwarze Frau, früher als Soldatin über Berge und durch Täler gezogen, um zu töten. Dann als sie nicht mehr töten , aber auch nicht selbst Opfer werden wollte, musste sie die Reise ins Leben antreten. Auch auf dieser Reise, zu Fuß durch die Wüste und im morschen Schiff über das Meer, begleitete sie der Tod. Jetzt war sie gestrandet, dem Tod davongelaufen, aber auch sie noch nicht im Leben angekommen. Zu viele Erinnerungen waren noch in ihr und hielten sie gefangen in der Vergangenheit.

Dann und wann stellten sich frisch gewaschene, sauber gekleidete und gut genährte Zuhörer dazwischen. Man wusste nicht, waren sie kurz davor ihre eigene Reise zu beginnen und suchten nach erfahrenen Begleitern oder trieb sie nur die Neugier ans Feuer, so als wollten sie einmal durch das kleine Guckloch ihrer Sicherheit ins Abenteuer sehen ohne irgendetwas zu riskieren.
So versammelten sie sich Abend für Abend am Fluss, der sie mit seinem ruhigen Dahinfließen im abendlichen Feuerschein glauben machte, am Ziel ihrer Reise angekommen zu sein. Und manchmal gaben sie sich dem Anschein hin, glaubten eine Nacht lang, wirklich angekommen zu sein, und spürten doch spätestens beim Aufgehen der Sonne, dass sie sich getäuscht hatten. Dass die Reise noch lange nicht zuende war, vielleicht niemals enden würde.


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Eines Morgens war ich tot

Eines Morgens war ich tot. Ich hatte es mir anders vorgestellt. Dramatischer, würdevoller, würdeloser, schwieriger, Nicht so jedenfalls.
Da lag es nun, dieses Ding, das einmal ich gewesen war und war zu nichts mehr nutze. Es würde noch einmal kurz jemanden erschrecken, der dazu bestimmt war, es zu finden. Jemand würde es waschen. Nie habe ich verstanden, wozu man so ein totes Ding noch waschen musste, bevor es beseitigt wurde. Ein bisschen geraderücken, zurecht machen,, dass es die Abschiednehmenden, so es welche gab, nicht erschreckte. Aber waschen? Nun ja, ich habe vieles im Leben nicht verstanden, warum also ausgerechnet das.
Ja und dann würde es hoffentlich verbrannt werden. Nur, hatte ich diese Anweisung klar genug und bei den richtigen Leuten hinterlassen? Irgendwie grauste es mir vor der Vorstellung, von Würmern durchsetzt zu sein. Eigentlich konnte es mir jetzt egal sein. Aber die Vorstellung dieser in sich verschlungenen und ewig sich windender Wesen war mir immer noch sehr unangenehm.
Aber jetzt war es zu spät. Sie würden mit dem, was von mir übrig war machen, was sie wollten oder was sie für richtig hielten und mich ging es nichts mehr an.

Was tat ich hier eigentlich noch? Musste ich mir jetzt Gedanken machen über dieses, über mein vergangenes Leben? Über diesen unauffälligen kleinen Anteil, den ich am großen Ganzen gehabt und dazu beigesteuert hatte? Wozu? Vielleicht war das der Weg, um dorthin zu kommen, worum immer so ein großes Geschrei gemacht wurde und was doch niemand kannte.
Oder war dies nun schon das, was danach kam? Sich Gedanken darüber zu machen was gewesen war und das, was jetzt passierte zu beobachten, ohne eingreifen zu können?
Ich würde es nie herausfinden, wenn ich nur herumsaß. Saß? Sitzen? Dieses Wort passte vermutlich nicht mehr wirklich. Aber einen neuen Wortschatz hatte ich noch nicht.
Also machte ich mir nun Gedanken. Nicht diese klischeehafte Frage „und das soll es nun gewesen sein?“ stand am Anfang. Und das beruhigte mich doch sehr. Dann konnte es nicht ganz vergebens gewesen sein.
Nein. „Das war es gewesen“, eher so. Das war es gewesen und ich schien nichts verpasst zu haben, was wirklich wichtig gewesen wäre.
Ich hätte mich in vielen Dingen mehr und intensiver einbringen sollen, mich mehr kümmern müssen, mutiger , stärker, rücksichtsloser sein müssen. Aber hatte es diese Möglichkeit überhaupt gegeben oder war es einfach alles, was ich zu investieren gehabt hatte?
Meine Grenzen und meine Schwächen zu akzeptieren war mir noch nie leicht gefallen, aber jetzt gab es kein zurück mehr.
Was ich verpasst hatte, war nie zu ändern gewesen. Dieses elende Schicksal, nur ein einziges Leben zur gleichen Zeit leben zu können, hatte mich immer schon geärgert. Ich hatte es gehasst, mich entscheiden zu müssen. Aus jeder Entscheidung entsprang ein weiteres Stück Weg und es hätte doch so viele Wege gleichzeitig gegeben.
Nie würde ich erfahren, wohin diese anderen Wege mich geführt hätten. Und nie würde ich erfahren, warum ich gerade diesen meinen Weg gegangen war. Hatte ich das entschieden oder was hatte mich auf gerade diesen Weg geschickt und warum? Eine müßige Frage. Nicht einmal jetzt hatte ich eine Antwort darauf, dabei hatte ich doch immer gehofft, am Ende dieses Lebens die Antwort auf alle meine Fragen zu finden. Aber nun hatte ich Zeit, unbegrenzt. Vielleicht also, würde ich die Antworten doch noch bekommen. Irgendwann…………