Kutscherblog

dies und das – bunt gemixt


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Mit Rassismus gegen Sexismus?

Wieder einmal unterwegs auf der A 30, wieder einmal das Autoradio an. Musik, interessante Berichte über dies und das, ich träume fast ein wenig vor mich hin, und dann reißt mich ein Name zurück in die Realität: Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt, in der ich viele Jahre zu Hause war. Nun hat er mich, mehr als 600 Kilometer weiter nördlich eingeholt.

Boris Palmer, der grüne Oberbürgermeister aus Tübingen, gibt ein Interview. Allerdings geht es nicht um die Tübinger Stadtpolitik, wie man das erwarten sollte, sondern um die große Politik. Thema: Maghreb-Staaten als „sichere Herkunftsländer“. Palmer sagt im Interview, die Maghreb-Staaten wären zwar keine sicheren Herkunftsländer, Minderheiten würden dort nämlich verfolgt, man müsse diese Länder aber dennoch asylrechtlich als sicher erklären. Hier staune ich, nicht weil ich Palmer diese Meinung nicht zugetraut hätte, aber dass jemand so offensichtlich eine Rechtsverdrehung fordert, das wundert mich doch immer noch.16266193_10154732760176355_3591066339809002706_n

Aber es geht noch weiter. Es gäbe ja auch gute Gründe dafür, dies zu tun, meint er, und zwar „weil die Frauen in Deutschland sich nachts wieder auf die Straße trauen wollen“. Das heißt im Klartext: Frauen sind auf Deutschlands Straßen nicht mehr sicher, sie trauen sich nachts nicht mehr auf die Straße, weil seit kurzer Zeit zu viele nordafrikanische Männer eben diese Straßen unsicher machen.

Ganz fatal fühle ich mich erinnert an die Stürmer-Parole: „Frauen und Mädchen, die Juden sind Euer Verderben!“, auch wenn Boris Palmer das weit von sich weisen wird. Aber es zählt nicht nur, was man meint, es zählt vor allem, was man durch seine Äußerungen bewirkt.

In den 1980ern habe ich in Tübingen studiert und damals gab es jedes Jahr zu Walpurgis eine Demonstration der Tübinger Frauen unter dem Motto: „Wir erobern uns die Nacht zurück.“

Und richtig, vor wenigen Jahren haben Tübinger Frauen begonnen, diese Tradition wiederzubeleben. Wieder ziehen sie dort jetzt am Abend des 30. April durch die Straßen der Stadt und fordern ihr Recht auf sicheren Aufenthalt auch nachts in der Stadt ein. Und die Frauen haben leider nach wie vor ihre Gründe dafür. Noch immer fühlen sich viele Frauen nachts unwohl, wenn sie allein unterwegs sind, noch immer kommt es immer wieder zu Überfällen, zu sexualisierten Übergriffen, zu Vergewaltigungen (wenn es auch weniger Vorfälle durch Fremde auf der Straße sind, als im Familien- und Bekanntenkreis).

Ein Oberbürgermeister, der noch im Jahr 2014 als Schirmherr für die Aktion One Billion Rising (1) aufgetreten ist, sollte aber doch ein wenig differenzierter denken können und darauf verzichten, solch rassistischen Unsinn in die Welt zu posaunen.

Nicht erst seit es zu den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 gekommen ist, fühlen sich Frauen auf Deutschlands Straßen nachts unwohl, aber seither wird darüber wieder geredet, möglicherweise werden seither sogar mehr Übergriffe angezeigt, die früher in der Dunkelziffer untergingen, was eigentlich gut und begrüßenswert ist, aber leider von populistischen Politikern und auch Politikerinnen schamlos ausgenutzt wird.

Was tut man nicht alles, um sich Ausländerfeinden in der deutschen Gesellschaft anzubiedern und auf Kosten der Geflüchteten Wähler*innenstimmen zu gewinnen. Was auch immer in dieser Silvesternacht wirklich geschehen ist, wird man nie vollständig aufklären können, und genau diese Unklarheiten führen zu den wildesten Spekulationen und rassistischen Ausbrüchen, die durch die #nafri-Debatte um Silvester 2016/2017 wieder aufgewühlt worden sind (2).

Von „Horden junger Flüchtlinge“, in erster Linie Nordafrikaner, ist die Rede, die „marodierend durch das Land ziehen“. Die sich zu Tausenden, vermutlich sogar gut organisiert, an Silvester aufmachen, um deutsche Frauen zu vergewaltigen.

Und hier stellt der GRÜNE Boris Palmer einen Topf aufs Feuer, in den jeder und jede, Facebook sei Dank, hineinkippen darf, was ihn und sie zum Thema gerade bewegt. Und so landen in diesem Topf nicht nur die #nafris, die „nordafrikanischen Intensivtäter“ und die IS-Terroristen, es landen darin auch alle nordafrikanischen, nordafrikanisch aussehenden Männer und letztendlich alle Geflüchteten. Es ist erschreckend, wer bei einer öffentlichen und anonymen Diskussion sich alles einfindet, wie viele völlig undifferenziert urteilende, uninformierte User meinen, ein vorgeblich objektives Statement abgeben zu müssen.

Und immer reden sie von „den Flüchtlingen“, von denen Gefahren für „unsere“ Frauen ausgehen. Dass sich unter diesen Flüchtlingen, man darf staunen, auch Frauen befinden, die in diesem Zusammenhang dann plötzlich nicht mehr unter die Gefährdeten auf Deutschlands Straßen fallen, sondern unter den Maßnahmen gegen die Gefährder mit leiden müssen, scheint ihnen vernachlässigbar zu sein. Genauso wie die, ihrer Ansicht nach wenigen Männer, die nicht kriminell sind. Kollateralschäden sind eben nicht zu vermeiden.

Alle gemeinsam dürfen nun in diesem Topf rühren und gemeinsam bringt man die Suppe zum Kochen, eine braune Brühe entsteht, die irgendwann überkocht, explodiert, und uns allen um die Ohren fliegt, wenn nicht in letzter Sekunde noch jemand die Reißleine zieht.

Da hilft nur eins:

Spucken wir ihnen in die Suppe, den PopulistInnen und ihren MitläuferInnen, ob sie nun Petry oder Palmer, Kretschmann, de Maizière oder Seehofer heißen, oder wie auch immer.

Spucken wir ihnen in die Suppe und vor allem: Nehmen wir diesen Topf vom Feuer, solange wir ihn noch anfassen können.

 

Veröffentlicht in der Graswurzelrevolution 416 Februar 2017

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Schutzkonzept für geflüchtete Frauen*

Veröffentlicht in der Graswurzelrevolution 406, Januar 2016

Seit einiger Zeit entdecken viele Zeitgenossen, von denen wir das gar nicht erwartet hätten, ihre kämpferische „feministische“ Seite. Gleichberechtigung für Frauen und Frauenbefreiung wird großgeschrieben – allerdings nur, solange es nicht darum geht, Frauen im eigenen Land gleich zu bezahlen wie Männer und ihnen überhaupt immer und überall die gleichen Möglichkeiten einzuräumen.

Kriege werden angeblich geführt, um Frauen in Afghanistan und anderswo vor Männergewalt und Unterdrückung zu retten. Und von den Menschen, die vor diesen Kriegen fliehen und bei uns Schutz suchen, wird das Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Frauen verlangt.

Wir leben in einem Land, in dem Männer und Frauen gleiche Rechte und Pflichten haben und wo sich alle mit dem gebührenden Respekt begegnen – heißt es. Diese christlichen und westlichen Werte wollen wir exportieren und wer zu uns kommt, muss von uns lernen und sich zu diesen Werten bekennen.

Neben den Lohnzetteln sprechen allerdings auch die Zahlen der deutschen Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser eine ganz andere Sprache.

Flüchtlingen / Geflüchteten wird nicht erst nach den Kölner Silvestervorkommnissen unterstellt, dass sie, weil sie aus anderen Kulturen kommen, keinen Respekt gegenüber Frauen hätten. In diesem Zusammenhang steht Flüchtling ganz eindeutig für Mann.

Flüchtlinge werden als Bedrohungspotenzial genutzt, vor dem deutsche Frauen geschützt werden müssen. Jeder frauenfeindliche Vorfall, in den augenscheinlich oder auch nur vorgeblich ein geflüchteter Mann verwickelt ist, wird von denen, die Deutschland für sich haben wollen, benutzt, um den Flüchtling als solchen zu diskreditieren und Ressentiments in der Bevölkerung zu schüren, auch unter jenen, die aus Mitleid bisher aufgeschlossen waren. „Jetzt reicht es aber! Statt dankbar zu sein, bedrohen sie unsere Frauen.“ Gefordert wird dann eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen – die geflüchteten Frauen inbegriffen.

In dieser Situation ist es nicht einfach, für geflüchtete Frauen in den Gemeinschaftsunterkünften den Schutz einzufordern, den sie brauchen, ohne falsche Signale zu geben. Es muss immer und immer wieder betont werden: Geflüchtete Frauen brauchen besonderen Schutz, weil sie als Frauen unter Männern leben und dies in einer extremen Ausnahmesituation. Sie brauchen diesen Schutz nicht, weil sie unter geflüchteten Männern leben, unter Flüchtlingen.

Dieser Zwiespalt, sich für geflüchtete Frauen einzusetzen, ohne der Hetze gegen Geflüchtete allgemein Futter zu geben, bedeutet eine immerwährende Gratwanderung. Für die Frauen, aber nicht gegen die Geflüchteten müssen wir einstehen. Dieser feine Unterschied ist oft nur schwer zu vermitteln.

Die in diesem Zusammenhang von women in exile (https://www.women-in-exile.net/) verbreitete Parole „Keine Lager für Frauen“ führt bereits zur nächsten Stolperfalle im politischen Kampf für einen menschenwürdigen Umgang mit allen Geflüchteten: Auch für Männer sind Lager kein unterstützenswerter Aufenthaltsort. Auch für Männer muss es Alternativen, muss es vernünftige Wohnkonzepte geben.

Dennoch bleibt der Satz „Keine Lager für Frauen“ eine notwendige Forderung, denn in der aktuellen Situation sind wir nicht in der Lage, die Forderung „No Lager“ zeitnah durch- und umzusetzen. Und die Frauen in den Lagern leiden ganz aktuell und ganz besonders unter dem Leben in den Sammelunterkünften, unter dem Leben in der Ausnahmesituation als Frauen unter Männern.

Frauen fliehen anders

Für Frauen gelten vielfach die gleichen Fluchtursachen wie für Männer. Kriege, politische Verfolgung, Religion, sexuelle Orientierung, Hunger und Elend als Folge von wirtschaftlichen Entwicklungen und Klimaveränderung,…

Darüber hinaus gibt es geschlechtsspezifische Fluchtgründe. So fliehen Männer häufiger vor Zwangsrekrutierung oder vor der Verfolgung als Deserteure.

Für Frauen wiederum bedeuten Krieg und politische Verfolgung fast immer das Erleiden sexualisierter Gewalt (oder zumindest die ständige Bedrohung damit), die oft gezielt als Waffe, auch gegen die Angehörigen der Betroffenen, eingesetzt wird.

Frauen fliehen vor Genitalverstümmelung, vor Zwangsverheiratung (dies trifft immer mehr auch homosexuelle Männer), sie fliehen, weil sie keine Möglichkeit auf ein eigenständiges Leben ohne Mann haben.

Unterwegs sind Frauen gefährdeter als Männer. Neben den Gefahren, die eine Flucht auf dem Weg durch viele Länder und über das Wasser für alle Geflüchteten mit sich bringt, sind Frauen immer zusätzlich von sexualisierter Gewalt bedroht. Teilweise werden sie sogar bewusst als Zahlungsmittel „benutzt“, um für ganze Flüchtlingsgruppen die Weiterreise zu ermöglichen. (Emmanuel Mbolela: Mein Weg vom Kongo nach Europa, Mandelbaum Verlag 2014)

Im Zufluchtsland angekommen, sind sie noch lange nicht sicher. Ganz abgesehen von Berichten über sexualisierte Übergriffe durch Heimleiter, die es immer wieder gibt, stellt das Leben im Lager eine dauernde Gefahr dar. Besonders gefährdet sind allein reisende Frauen und Minderjährige. Häufig in unübersichtlichen alten und heruntergekommenen Gebäuden einquartiert, stellen Wege zur Gemeinschaftsküche, zur Dusche, zur Toilette immer eine Gefahr dar. Und dies nicht, weil geflüchtete Frauen unter Flüchtlingen leben, sondern weil Frauen in unerträglichen Verhältnissen zusammengepfercht mit zahlreichen gelangweilten, verzweifelten Männern hausen.

Schutzkonzept für Frauen

Ganz langsam scheint die Problematik auch in den Köpfen der Regierenden anzukommen. Aber anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie Lager insgesamt abgeschafft werden können und als ersten Schritt dazu Konzepte zu entwickeln, Frauen nicht mehr in Lagern unterzubringen, geht es nun um Schutzräume für Frauen innerhalb der Gemeinschaftsunterkünfte.

Das gerne angeführte Argument, da so viele Geflüchtete bei uns einträfen, ginge es nicht anders, wird nicht erst angesichts der Tatsache, dass beispielsweise für das Erstaufnahmelager Bramsche-Hesepe in Niedersachsen das Angebot von privaten Wohnräumen durch eine Initiative der Einheimischen ohne Begründung abgelehnt wurde, unglaubwürdig.

Ende 2015 wurde in Niedersachsen vom Sozial- und Innenministerium ein sogenanntes Schutzkonzept für Frauen vorgestellt. Empfohlen wird die separate Unterbringung von Familien, insbesondere von Müttern mit ihren Kindern. Wohlgemerkt, die separate Unterbringung innerhalb des Lagers. Mindestanforderung: „Es muss einen Platz geben, wo muslimische Frauen ihren Schleier ablegen und ihre Kleinkinder ungestört stillen können“ (Sozialministerin Cornelia Rundt, SPD). Wo bleiben hier allein reisende Frauen, Frauen, die keine Mütter sind, Frauen, die keine Muslima sind und/oder keinen Schleier tragen? Benötigen sie keine Rückzugsmöglichkeiten? Und was ist auf dem Weg zum Rückzugsort?

Aber es kommt noch schlimmer.

Es wird „empfohlen“, geschlechtergetrennte Sanitärbereiche sowie abschließbare nicht einsehbare Toiletten einzurichten.

Wer schon einmal eine Erstaufnahmeeinrichtung / ein Lager für Geflüchtete besucht hat, weiß um diese Zustände. Dennoch ist diese Situation kaum zu glauben und noch weniger zu ertragen: Keine geschlechtergetrennten Sanitäranlagen, keine abschließbaren und nicht einsichtigen Toiletten? In Deutschland sind getrennte Toiletten und Sozialräume seit vielen Jahren Grundstandard. Ich habe vor langer Zeit fast eine Stelle nicht bekommen, auf die ich mich beworben hatte, weil die entsprechende Toilette fehlte.

Und welche Frau, die nicht dem gängigen Rollenbild entspricht, kennt nicht die Situation, dass sie von anderen Frauen oder vom Personal aus öffentlichen Damentoiletten verwiesen wurde? Und in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete gibt es keine getrennten Sanitärbereiche? In Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete gibt es keine abschließbaren und nicht einsehbaren Toiletten? Menschen in unserer Gesellschaft, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen wollen oder können – auch diese gibt es unter den Geflüchteten und auch sie leiden sehr unter den Verhältnissen in den Lagern – kämpfen seit einigen Jahren für die (zusätzliche) Einführung von Unisex-WCs. Einzelduschen, Einzeltoiletten – abschließ- und nicht einsehbar! Diese Lösung würde schon ausreichen und damit wäre allen geholfen.

Dass so etwas überhaupt erst in ein Konzept übernommen werden muss, dass es jemand wagt, so etwas als neue Errungenschaft und die Lösung bestehender Probleme anzupreisen, macht sprachlos.

Was sind das für Leute, die es für „normal“ halten, andere Menschen auf eine öffentliche Latrine zu schicken, während sie selbst sogar in ihrem Einfamilienhaus die Toilettentür hinter sich abschließen? Was sind das für Menschen, die meinen, Gefahren, denen Frauen in Sammellagern ausgesetzt sind, durch Frauenbereiche innerhalb dieser Sammellager zu beseitigen?

Frauen raus aus den Lagern – sofort!

Geflüchteten Frauen fehlen Informationen über die Situation von bedrohten Frauen in Deutschland und über die Möglichkeiten, Hilfe zu erfahren.

Wohin können sie sich wenden, was können sie tun und dürfen sie überhaupt die Unterkunft verlassen, wenn sie sich bedroht fühlen?

Geflüchtete Frauen mit Gewalterfahrung haben mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die wir auch von deutschen Frauen mit Gewalterfahrung kennen: Sie schämen sich oft, über die Ereignisse zu sprechen, sie suchen die Schuld bei sich selbst, sie haben mit Retraumatisierung zu kämpfen, die schon allein durch harmloses Lärmen männlicher Jugendlicher auf den Fluren der Gemeinschaftsunterkunft ausgelöst werden kann.

Dagegen helfen keine Schutzbereiche und erst recht keine Rückzugsräume innerhalb der Sammelunterkünfte. Dagegen hilft einzig und allein: Frauen raus aus den Lagern – jetzt sofort! Und auf Dauer: Keine Lager – No Lager – für niemanden!


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Schutzkonzept für Frauen?

„In Niedersachsen ist jetzt ein Schutzkonzept vorgestellt worden“ – so lese ich am letzten Tag des alten Jahres 2015 in der Tagespresse. Es geht bei diesem Konzept darum, geflüchtete Frauen in Gemeinschaftsunterkünften besser vor sexualisierten und anderen Übergriffen zu schützen. Ich lese: „Weiter empfiehlt das Konzept geschlechtergetrennte Sanitärbereiche sowie abschließbare nicht einsehbare Toiletten.“

Ich weiß um die herrschenden Zustände, dennoch verschafft mir das schwarz auf weiß Gelesene noch einen letzen Wutanfall im alten Jahr und jetzt beim Schreiben einen ersten solchen im neuen Jahr 2016.

Eigentlich kann es gar nicht sein, was da steht und was auch wirklich so ist. Keine geschlechtergetrennten Sanitäranlagen, keine abschließbaren und nicht einsichtigen Toiletten? In diesem Land ist das seit vielen Jahren Grundstandard. Ich habe vor langer Zeit fast eine Stelle nicht bekommen, auf die ich mich beworben hatte, weil die entsprechende Toilette fehlte. Und welche Frau, die nicht dem gängigen Rollenbild entspricht, kennt nicht die Situation, dass sie von anderen Frauen oder vom Personal aus öffentlichen Damentoiletten verwiesen wurde? Und in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete gibt es keine getrennten Sanitärbereiche? In Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete gibt es keine abschließbaren und nicht einsehbaren Toiletten? Menschen in unserer Gesellschaft, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen wollen oder können kämpfen seit einigen Jahren für die Abschaffung getrennter Toiletten oder wenigstens für die zusätzliche Einführung von Unisex-WCs. Genau diese Lösung würde schon ausreichen und damit wäre allen geholfen (denn auch in Gemeinschaftsunterkünften gibt es natürlich Menschen, die sich nicht zuordnen und die durch die erzwungene Zuordnung wieder anderen Gefahren ausgesetzt wären) und genau das ist aus der sogenannten Zivilisation doch schon lange nicht mehr wegzudenken: Abschließbare und nicht einsehbare Sanitär- und Toilettenbereiche. Dann muss gar keine Geschlechtertrennung mehr sein, der Aufwand wäre ja noch nicht einmal vonnöten.

Dass so etwas überhaupt erst in ein Konzept übernommen werden muss, dass es jemand wagt, so etwas als neue Errungenschaft und die Lösung bestehender Probleme anzupreisen, das lässt mich fast sprachlos werden. Was sind das für Menschen, die es für „normal“ halten, andere Menschen auf eine öffentliche Latrine zu schicken, während sie selbst sogar in ihrem Einfamilienhaus die Toilettentür hinter sich abschließen? Was sind das für Menschen, die meinen, Gefahren, die Frauen in Sammellagern ausgesetzt sind durch Frauenbereiche in Sammellagern zu beseitigen?

Was sind das für Menschen, von denen wir uns regieren lassen? Was sind wir für Menschen, dass wir uns von diesen empathielosen Machtbesessenen regieren lassen?


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Gendern ist was für Ältere

Sie sitzt mir gegenüber und erzählt: „Da war eine ältere Frau, die hat sehr gegendert.“ Aha, denke ich, sie hat gegendert, und ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich kenne Gender, aber gegendert? Ich bin auch älter, vielleicht liegt es ja daran, dass mir dieses Wort bislang nicht begegnete.
Sie erzählt weiter: „Diese ältere Frau vertrat die Ansicht, dass Lesben in den homosexuellen Netzwerken und Verbänden nicht vorkommen. Dass es immer vor allem um Schwule geht. Wir jungen Frauen“, so fuhr sie fort, „wir brauchen das aber nicht mehr, dass Lesben – oder in heterosexuellen Bezügen Frauen – immer extra erwähnt werden. Denn wir sind damit aufgewachsen, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Man muss Lesben und Frauen nicht mehr dauernd erwähnen.“
Was für eine Logik, denke ich. Aber vielleicht hängt auch das mit dem Ältersein zusammen, dass ich diese Logik nicht verstehe, dass mir dieser Satz sogar das genaue Gegenteil der eigentlichen Aussage aufdrängen will?

Aber im Ernst, ich würde zu gerne einmal herausfinden, ob „Gendern“ wirklich eine Frage des Älterwerdens ist oder nicht vielleicht doch eher des unterschiedlichen politischen Bewusstseins.


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Nennen wir sie Eugenie

nennen wir sie eugenie Cover 1„Nennen wir sie Eugenie“ ist eine Geschichte über die verbotene Liebe zweier Frauen im Senegal und was daraus folgt.

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder direkt beim Verlag
http://verlag-shop.com/Nennen-wir-sie-eugenie

 

Die Idee zum Buch:

Bei der Recherche für einen Artikel über lesbische Flüchtlinge im deutschsprachigen Raum stieß ich auf die Geschichte von Eugenie.
Eine junge Frau aus dem Senegal hatte Asyl in der Schweiz gesucht, weil sie wegen der Liebe zu einer Frau und der drohenden Zwangsverheiratung mit einem Mann ihre Heimat verlassen musste. Eine Mitarbeiterin der Schweizer Sektion von amnesty international erzählte mir in anonymisierter Form, was sie vom Schicksal der jungen Senegalesin wusste, einem Schicksal unter vielen: „Nennen wir sie Eugenie“, so begann ihr Bericht.
Auf der realen Grundlage dieses Schicksals beruht die hier entwickelte Handlung, die Einzelheiten allerdings sind erfunden oder anderen Lebensgeschichten entnommen, sie könnten so geschehen sein, aber auch ganz anders.

Die Geschichte

Die junge Eugenie, die kurz vor Beginn ihres Studiums steht, muss den Senegal verlassen, weil ihre Liebe zu einer anderen Frau entdeckt wird. Eugenie flieht nach Deutschland, wo sie Schutz und Hilfe erhofft und um Asyl bittet. Das übliche Asylverfahren beginnt und sie muss alles über sich ergehen lassen, ohne wirklich zu verstehen, was die Behörden in diesem ihr so fremden Land mit ihr vorhaben.
Eugenie erlebt den Alltag in der Flüchtlingsunterkunft, einer heruntergekommenen ehemaligen Kaserne, bestimmt von Perspektivlosigkeit, Langeweile und der dauernden Angst vor der Abschiebung zurück in ihre Heimat, wo sie Gefängnis und die Morddrohungen ehemaliger Freunde erwarten. Eugenie trifft andere Geflüchtete, die alle ihre eigenen Schicksale mitbringen. Und sie trifft Jeff, eine deutsche Aktivistin, die sie unterstützt und in der sie eine Freundin findet. Gemeinsam versuchen sie alles, um Eugenies Abschiebung zu verhindern.


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One Billion Rising for Justice 2014

One Billion Rising 2014 – One Billion Rising for Justice

WELTWEIT WIRD JEDE DRITTE FRAU IM LAUF IHRES LEBENS EIN ODER MEHRERE MALE  VERGEWALTIGT ODER GESCHLAGEN.

Für viele Frauen ist dies ein traumatisches Einzelerlebnis, das von da an ihr weiteres  Leben beeinflusst, für viele Frauen gehört häusliche Gewalt zum Alltag, für alle Frauen, ob von Gewalttaten direkt betroffen oder nicht, steht diese Bedrohung zeit ihres Lebens im Hintergrund. Sie wachsen mit dem Wissen auf, immer der Gefahr sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu sein und dieses Wissen bestimmt bewusst oder unbewusst ihre Entwicklung und ihr ganzes Leben.

JEDE DRITTE FRAU – DAS SIND EINE MILLIARDE FRAUEN ÜBERALL AUF DER WELTLogo 2014

In der Welt in der wir leben, herrscht auch im 21. Jahrhundert noch immer das Recht des Stärkeren. Über alle Kontinente hinweg gilt, dass die vermeintlich Schwächeren Unterdrückung und Gewalt durch vermeintlich Stärkere ausgesetzt sind.

Schwäche ist hier aber nicht in erster Linie als körperliches Merkmal zu sehen, Schwäche bedeutet in diesem Sinne auch und vor allem, gesellschaftlich eine weniger wichtige und machtvolle Position zu besitzen als andere. Ökonomisch, wissensmäßig, psychisch und auf vielen anderen Ebenen abhängig zu sein oder zumindest in dieser Rolle verortet zu werden.

Weit unten in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen  auch heute noch Frauen und Mädchen, noch weiter unten Frauen und Mädchen, die nicht allein wegen ihres Geschlechtes als minderwertig angesehen werden, sondern außerdem noch weitere Kriterien aufweisen, die nicht ins gewünschte Bild passen. Dazu gehört die sexuelle Orientierung und Identität, die „falsche“ Religion, körperliche oder geistige Eigenschaften, die in unserer heutigen Gesellschaft als Behinderung oder Beeinträchtigung bezeichnet werden und, in unserer europäischen Umgebung, das Nicht-Weiß-Sein, bzw. der sogenannte Migrationshintergrund,  ….

ONE BILLION RISING FOR JUSTICE ist ein weltweiter Aufruf an Frauen, die Gewalt überlebt haben und an alle Menschen, die sich mit ihnen solidarisieren, sich im sicheren Rahmen der Gemeinschaft zu versammeln, das Schweigen zu brechen und ihre Geschichten in die Welt hinauszulassen.

Auch wenn unser eigentliches Ziel eine Welt ohne jede Gewalt, unabhängig von allen Unterschieden, ist, so setzen wir mit der aktuellen Kampagne ONE BILLION RISING – RISING FOR JUSTICE bei der Gewalt gegen Frauen und Mädchen an, weil die Betroffenen weltweit allein wegen ihres Geschlechts dauernder Bedrohung ausgesetzt sind und weil wir selbst Frauen sind und den Ausgangspunkt unseres Aufstandes für Recht und Gerechtigkeit, ganz gegen den übliche Anspruch an Frauen, sich zunächst einmal um andere und dann erst um sich selbst zu kümmern, bei uns selbst suchen – ein erster und grundsätzlicher Schritt, Gerechtigkeit einzufordern und zu schaffen.

ONE BILLION RISING FOR JUSTICE

Am 14. Februar 2013 haben unzählige Menschen in 207 Ländern, allein in Deutschland in über 130 Städten, sich erhoben und getanzt oder sich auf andere Weise unüberhörbar gemacht, um ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu fordern.

Am 14. Februar 2014 werden wir unsere Bemühungen noch verstärken: Frauen und Männer auf der ganzen Welt sind dazu aufgerufen, sich zu erheben, zu tanzen, zu demonstrieren, sich auf ihre eigene Weise Gehör zu verschaffen und ihr Recht einzufordern und der Gerechtigkeit den Weg zu ebnen!

RISING FOR JUSTICE – Aufstehen für das Recht

Wenn Unrecht erst einmal geschehen ist, gibt es keine Gerechtigkeit mehr, dann gibt es nur noch die Umsetzung von Recht und Gesetz im Sinne der Betroffenen, die Unrecht erlitten haben.

Dann kann es nur noch um Schadensbegrenzung gehen, um Schmerzensgelder, finanzielle Hilfe bei Therapien und Folgeerscheinungen und darum, die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Wir fordern von öffentlichen Stellen, Ämtern und Behörden die Unterstützung der Betroffenen bei ihrer Anerkennung als Geschädigte und bei der Einforderung ihrer Rechte, ohne ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen und ihnen Steine in den Weg zu legen

RISNG FOR JUSTICE – Aufstehen für Gerechtigkeit

Bevor es jedoch zum Unrecht kommt, ist es möglich, Gerechtigkeit für alle zu fordern und zu schaffen. Deshalb erheben wir uns für die Gerechtigkeit zwischen allen Menschen, zwischen allen Alters- und Bevölkerungsgruppen und zwischen den Geschlechtern.

Wir müssen ein Bewusstsein schaffen, das Unrecht und Gewalt im Zusammenleben möglichst vollständig ausschließt und allen Menschen ein lebenswertes und angstfreies Leben ermöglicht.

Dafür erheben wir uns am 14.2.2014, tanzen und demonstrieren, um unserer Entschiedenheit Ausdruck zu verleihen, uns, nicht nur an diesem Tag, für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und letztendlich ein Ende der Gewalt überhaupt und eine gerechte Welt einzusetzen.

http://onebillionrisingosnabrueck.wordpress.com/

https://www.facebook.com/OneBillionRising201


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Cannes 2013: „La vie d’Adèle“ – Sex sells

La vie d’Adèle, ein dreistündiger Liebesfilm über die Beziehung zweier Frauen erhielt die Goldene Palme in Cannes. Zunächst einmal bin ich, wie alle „gewöhnlichen“ Menschen auf Berichte angewiesen, um mir ein Bild zu machen. Noch gab es den Film nicht öffentlich zu sehen und vermutlich wird er noch längere Zeit ausschließlich in französischer Sprache verfügbar sein, was mir trotz einigermaßen umgangs-sprachlicher Kenntnisse weitere Steine in den Weg legt, um diesen Film wirklich beurteilen zu können. Also bin ich zunächst einmal auf journalistische Berichterstattung angewiesen und die titelt allerorten, von der regionalen Tageszeitung bis hin zum Lesbenmagazin L-mag: „Goldene Palme für lesbischen Sex“.

Das irritiert mich nicht nur, nein es macht mich nahezu wütend. „Goldene Palme für lesbischen Sex“ – ja ich weiß, sex sells und Kino ist nun mal Geschäft und Marketing und mit einer solchen Beschreibung werden mit Sicherheit einige Menschen mehr diesen Film ansehen und dafür bezahlen, als wenn da stünde „Goldene Palme für lesbischen Liebesfilm“.

Aber brauchen wir das? Vor allem brauchen wir es, dass auch in eigenen Kreisen mit solchen Schlagzeilen geworben wird? Und geht es denn wirklich in erster Linie um lesbischen Sex in diesem Film, wie uns dieser Titel glauben macht, glauben machen soll? Das kann ich nun nicht beurteilen, da ich ja ein „gewöhnlicher“ Mensch mit dazu hin nicht ausreichenden Französischkenntnissen bin. Wäre es wirklich so, dann fände ich es schade, auch wenn damit so mancher (und ich meine wirklich ganz geschlechtsspezifisch mancher mit R) ins Kino kommen wird, der das sonst wohl nicht täte.

Müssen wir die Akzeptanz unserer Lebensweise mit gutem Sex, an dem wir die Welt teilhaben lassen, erkaufen? Und das in Zeiten, wo in dem Land, in dem Cannes angeblich lesbischen Sex feiert, die Menschen gegen unsere Lebensweise zu Hunderttausenden auf die Straße gehen? Nicht gegen unseren Sex, nein, den würden und werden sich mit Sicherheit viele von ihnen gerne auf der Leinwand ansehen, nein, gegen unsere Art zu Leben, füreinander da zu sein, miteinander Familie  leben zu wollen wie alle anderen auch.

Gegen die lesbische Liebe und das lesbische Leben gehen Menschen auf die Straße und die Goldene Palme gibt es für lesbischen Sex – ist das ein zwar schräges, aber gut gemeintes politisches Statement oder eben doch nur Marketing?