Kutscherblog

dies und das – bunt gemixt


Ein Kommentar

Wir sind doch alle Autoren – aber brauner Müll bleibt eben braun

Streit in einer Facebook-Gruppe, in der sich Autor*innen und Verlage treffen können, sollen, dürfen … , um sich zu vernetzen und evtl. „ins Geschäft“ zu kommen.

Die Nerven scheinen blank zu liegen, warum eigentlich?

Ein Buch wird von einer Autorin vorgestellt, in dem sie meint, die Ereignisse der „Silvesternacht in Köln“ zu einem Krimi verarbeiten zu müssen. Es bleibt selbstverständlich jeder Autorin und jedem Autor unbenommen, sich irgendein Ereignis, das ihn interessiert, das er oder sie für wichtig befindet, als Grundlage und Stoff für sein Werk zu nehmen.

Erkennt man jedoch schon beim ersten Blick ins Buch, beim ersten Lesen der Leseprobe bei einem großen online-Händler, wo dieses Buch – ohne Verlag, aber auf der Suche – bisher veröffentlich wurde, dass es sich um die übliche Hetze gegen Nordafrikaner handelt, dass mit Klischees und Verallgemeinerungen gearbeitet wird, um ins Horn der AfD-Anhänger*innen oder noch schlimmer zu blasen, dann muss das benannt werden dürfen. Auch wenn dabei harte Worte fallen.

Dabei erfährt man aber auch anhand eines ausführlichen Täterprofils, warum die Asylanten aus den frauenverachtenden Ländern aufgrund ihrer Identität und Basisprägung in der Silvesternacht letztendlich so handeln mußten.

Eine beruflich aufwärtsstrebende selbstbewusste Karrierefrau … gerät … in die Fänge von Asylanten,

Diese beiden Sätze aus der Vorstellung des Buches müssten eigentlich genügen, um denkenden Menschen klar zu machen, dass es sich hier um das übliche rassistische Geflüchteten-Bashing handelt.

Und das als Müll oder braunes Gedankengut zu bezeichnen, ist mehr als angebracht.

Wenn sich die Gruppenadmins dagegen verwehren und sich auf „sachlichen Umgang“ berufen, Unhöflichkeiten gegen die Autorin beanstanden „denn wir sind doch alle Autoren“, „es geht mir nicht um den Text, ich weill beiden Seiten gerecht werden“ dann zeugt das von politischem Unverstand oder vielleicht auch von bewusstem Wegsehen.

Aber: Wegsehen, Leben und leben lassen, Schreiben und Schreiben lassen muss gerade im Gebiet der Bücherwelt seine Grenzen haben.

„Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ – und das beginnt auch dort, wo es sich „nur“ um einen Kriminalroman handelt.

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Wer darf worüber schreiben? – Political Correctness oder Literarische Freiheit?

„Auf Grund der Darstellung auf der von dir verlinkten Homepage hatten wir den Eindruck, dass es sich bei dir um eine weiße deutsche Autorin* handelt die sich mit Erfahrungen Schwarzer Geflüchteter auseinandersetzt. Obwohl die Thematik durchaus interessant klingt, finden wir es schwierig als weiße Person für Schwarze Menschen und deren Erfahrungen zu sprechen. Wir finden es wichtig, dass Schwarze Menschen und/oder Geflüchtete selbst für sich sprechen. Auch wenn es sich bei dem von dir geschriebenen Buch um einen Roman handelt und somit wahrscheinlich eher um eine „fiktive“ Geschichte, als um einen direkten Erfahrungsbericht oder änhliches.“

So die Antwort einer linken queeren Zeitschrift auf meine Anfrage, ob ich ein Rezensionsexemplar meines Romans zusenden dürfe. Ganz abgesehen davon, dass ich es sehr schade finde, dass diese Thematik nicht anhand des Buches bearbeitet wurde, eine Kritik unter genau diesem Blickwinkel hätte ich sehr spannend gefunden, beschäftigt mich nun diese Frage.

Das Buch beschreibt die Geschichte einer jungen Frau aus dem Senegal, die Asyl in der Schweiz gesucht hatte, weil sie wegen der Liebe zu einer Frau (Homosexualität steht im Senegal unter Strafe) ihre Heimat verlassen musste. Eine Mitarbeiterin der Schweizer Sektion von amnesty international erzählte mir in anonymisierter Form, was sie vom Schicksal der jungen Senegalesin wusste, einem Schicksal unter vielen: „Nennen wir sie Eugenie“, so begann ihr Bericht.

Auf der realen Grundlage dieses Schicksals beruht die im Buch entwickelte Handlung, die Einzelheiten allerdings sind erfunden oder anderen Lebensgeschichten entnommen, sie könnten so geschehen sein, aber auch ganz anders. Eugenies Geschichte handelt in Deutschland anstatt in der Schweiz, da mir die Verhältnisse, in denen Flüchtlinge hier (über)leben müssen, bekannter sind, als im Nachbarland. Die Fakten beziehen sich nicht auf eine Stadt oder ein bestimmtes Bundesland, hier mischt sich vieles aus unterschiedlichen Regionen und verschiedenen Herangehensweisen, die aber letztendlich alle so angelegt sind, dass die Flüchtlinge sich im Zufluchtsland nicht wohlfühlen sollen, um sie schnellstmöglich wieder loszuwerden.

Wir finden es wichtig, dass Schwarze Menschen und/oder Geflüchtete selbst für sich sprechen.

Nun finde ich diese Aussage gut und richtig und würde sie so unterschreiben, wie sie da steht.

Aber: Dürfen ausschließlich Schwarze Menschen und/oder Geflüchtete über Schwarze Menschen und/oder Geflüchtete und ihre Geschichten schreiben?

Schreibe ich für (im Sinne von anstatt) bestimmte Menschen oder Minderheiten, wenn ich meine Protagonist*innen in einer bestimmten Menschen- oder Gesellschaftsgruppe ansiedle? Darf ich als Autorin ausschließlich über meine eigene Lebenserfahrung schreiben?

Ich glaube, das kann nicht sein. Wie sollte dann ein gesunder Mensch über Kranke schreiben, wie Männer über Frauen, lesbische oder schwule Autor*innen über Heterosexuelle, usw.?

Wie kann Literatur entstehen, wie können Geschichten erzählt werden, in denen unterschiedliche Perspektiven erarbeitet werden, wenn die Autor*innen nicht  über andere Lebenswelten berichten dürfen?

Ist es besser, nicht über unzumutbare Zustände zu schreiben, weil ich sie nicht selbst an meiner Person erlebt habe und zu warten, bis die Betroffenen die Möglichkeit finden, sich zu äußern?

Fragen über Fragen. Mit Sicherheit aber gibt es Grenzen, worüber oder vielleicht eher wie jemand über andere Leben und Lebenswelten schreibt. Wo verlaufen diese? Wo trete ich jemandem zu nahe und wo verhelfe ich bisher noch schweigenden Menschen zu einer Plattform?