Kutscherblog

dies und das – bunt gemixt

„Halt di raus, no kommsch in nix nai“

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Viele Jahre meines Lebens habe ich im Schwabenland verbracht. Als im Allgäu geborener und aufgewachsener Mensch eigentlich ein Fauxpas, ähnlich dem, wenn Kölner*innen nach Düsseldorf ziehen oder umgekehrt. Aber wie das Leben so spielt … auch auf diesem Spielfeld kann man nicht immer political correct agieren.

Dort im schwäbischen Umfeld ist mir dieser Satz „Halt di raus, no kommsch in nix nai“, immer wieder begegnet und lange Zeit hielt ich das für einen Ausdruck schwäbischer Mentalität.

Mittlerweile lebe ich nicht mehr in dieser Region und auch nicht im Allgäu, habe mehr von Deutschland, ein wenig von der Welt und noch viel mehr von der virtuellen Welt kennengelernt, und immer häufiger stolpere ich über diese Haltung, die anderswo nicht so direkt ausgedrückt wird, sondern ganz zurückhaltend als „Neutralität“ bezeichnet wird.

Oder, scheinbar positiv formuliert: „Ich will allen Seiten gerecht werden“.

Allen Seiten gerecht werden – ist das überhaupt möglich oder ist das lediglich eine Umschreibung davon, kein Standing zu haben, kein Rückgrat zu beweisen?

Wenn allen Seiten gerecht werden heißt, alle Seiten zu befragen, anzuhören, zu beobachten, dann kann das ein guter und richtiger Ansatz sein. Wenn dies aber erst gar nicht stattfindet, oder wenn die Folge davon nicht ist, sich zu positionieren, sondern sich raus zu halten, keine eigene Meinung zu entwickeln und falls man doch eine hat, sie nicht zu äußern, um nur ja niemandem zu nahe zu treten (und/oder sich selbst nicht angreifbar zu machen), dann bedeutete allen Seiten gerecht werden nichts anderes, als stillschweigendes Dulden von Ungerechtigkeit und Unrecht.

Ohne die eigene Positionierung, ohne Rückgrat zu haben und zu zeigen, bedeutet allen gerecht werden, das genaue Gegenteil des formulierten Anspruchs. Nämlich durch vorgebliche Neutralität genau die zu unterstützen, die das Falsche sagen und tun und eben jenen nicht gerecht zu werden, die darunter leiden.

Das ist in der Politik so, im Privatleben, in der Bürogemeinschaft, im Verein und in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Wer andere im Regen stehen lässt, weil er/sie sich zu fein ist oder weil der Mut dazu fehlt, einen eigenen Standpunkt zu haben und diesen auch nach außen zu vertreten, wenn es darauf ankommt, ist nicht neutral, sondern ein Mitläufer.

Vielleicht sind die Schwaben da ja einfach nur ein wenig ehrlicher?

 

 

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Autor: mariabraig

Ich bin 1957 im tiefen Süden der Republik geboren und über einige Zwischenstationen, ungefähr 50 Jahre später, in der Friedensstadt Osnabrück, angekommen. Nach dem Studium der brotlosen Fächer Germanistik und Kulturwissenschaft führte mein Weg über den ähnlich brotlosen Beruf der Lektorin in einem Tübinger Kleinverlag, dessen Ende sich bald abzeichnete, über eine kurze Phase der Selbständigkeit (Versandhandel mit umweltfreundlichen Schul- und Büroartikeln) auf die Straße: Als LKW-Fahrerin verdiene ich mir seit vielen Jahren meine Brötchen und noch so einiges mehr und wenn ich dabei den ganzen Tag am Fenster sitze und hinausschaue, so schweifen die Gedanken oft in alle möglichen Ecken und Winkel, und es entstehen dabei häufig Textfragmente im Kopf, die dann baldmöglichst aufs Papier müssen, bevor sie wieder verfliegen.

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